Interviews / 2018 / März

Nikola Staritz: "Es wird wenig über Homophobie gesprochen"

Die Initiative Fairplay will Diskriminierungen im Sport bekämpfen. Nikola Staritz arbeitet für die Initiative und forscht zum Thema "Homophobie". Im Interview mit 90minuten.at spricht sie über die jüngsten Ereignisse, meint, dass es "gut" wäre, dass diese passiert wären und erklärt die Hintergründe zum Thema.

Das Gespräch führte Georg Sander

 

90minuten.at: Frau Staritz, warum sprechen wir im Spätwinter 2018 über das Thema „Homophobie im Fußball“?

Nikola Staritz: Darüber wird leider immer sehr anlassbezogen gesprochen, wenn ganz offensichtlich etwas Arges passiert. Dann kommt es an die Oberfläche und man spricht darüber. Anlass waren jetzt die Vorkommnisse beim Wiener Derby und danach. Die breitere Öffentlichkeit ist gar nicht drum herum gekommen ist, über Homophobie im Fußball zu sprechen. Mir ist es wichtig zu erwähnen, dass wir und andere Gruppen immer darüber sprechen, weil es ist auch dann ein Thema, wenn es nicht so präsent ist. Das gilt für den Fußball, den Sport im Allgemeinen und die Gesellschaft.

 

90minuten.at: Wer sich informieren will, findet etwas. Ist es umgekehrt „gut“, wenn negative Vorkommnisse dafür sorgen, dass breiter diskutiert wird?

Staritz: Unter Anführungszeichen ist das gut. Die Frage ist, wie man darüber spricht. Es wird dann oft behauptet, dass Homophobie nur ein Problem der Fans sei, weil ein Transparent eben eine sichtbare oder hörbare Form ist. Das kriegen alle mit. Aber das stimmt so nicht. Dass das so funktionieren kann, hat auch damit zu tun, dass wenig gegen Homophobie im Sport getan wird. Das hat mit einer gewissen Sportartkultur zu tun, die sehr männlich konnotiert ist und wo Schwulsein im Männersport noch immer als Schwäche behandelt wird. Es braucht diese Basis, damit Homophobie funktionieren kann. Diese Strukturen werden leider oft nicht gesehen.

 

"Es ist ein Mitsingen, ein fehlendes Problembewusstsein, eine Massensache – und man traut sich nicht zu widersprechen." - Nikola Staritz von Fairplay

90minuten.at: Sie forschen auch zu dem Thema. Sind Fußballfans homophober als die Gesamtgesellschaft oder ist es einfach offensichtlich?

Staritz: Das glaube ich nicht. Aber bei einem Massenevent ist es oft schwieriger, manchen Sachen zu widersprechen. Ich will überhaupt nicht behaupten, dass alle, die „schwuler FAK“ singen, wirklich auch persönlich homophob sind und ein Problem mit Homosexualität haben. Es ist ein Mitsingen, ein fehlendes Problembewusstsein, eine Massensache – und man traut sich nicht zu widersprechen. Das ist wohl auch nicht Fußballfan-spezifisch. Es gibt gesellschaftlich aber wenige Momente, in denen so große Massen zusammen kommen und es bedrohlich wird. Wenn mit zwei Leute einen homophoben Spruch ins Gesicht werfen, hat das eine andere Wirkung, als wenn das hunderte von Fans singen. Würde man eine Umfrage machen, behaupte ich, dass Homophobie nicht stärker vertreten ist. Was ich sehr wohl glaube ist, dass es im Fußball und anderen Sportarten, die ein gewisses Männlichkeitsimage haben, sehr stark vertreten wird und es schwierig ist, gegen eine derartige Grundhaltung zu widersprechen. Das hat mit dem Männlichkeitsbild zu tun. Man möchte sich vom Schwulsein abgrenzen. Am besten grenzt man sich vom Schwulsein ab, indem man homophob ist.

 

90minuten.at: Wie kommt es dazu, dass sich derartige Chants durchsetzen? Viele Fans meinen im Gespräch ja, dass man das halt so sagt und man wisse, dass die nicht alle schwul sind.

Staritz: Man sieht, dass es sich verändern kann. Beim Rassismus war es in den 90er-Jahren ganz üblich, dass es Affenlaute gab, wenn ein schwarzer Spieler den Ball hat oder Bananen aufs Spielfeld flogen. Das gibt es heute auch noch, aber ich würde schon behaupten, dass es nicht mehr zum guten Ton dazu gehört und es für Vereine mittlerweile sehr unangenehm ist, wenn es passiert. Ich finde es schön, dass sich das geändert hat. Fans, Vereine, UEFA und FIFA machen etwas dagegen. Es wird auf verschiedenen Ebenen am Thema gearbeitet und es gibt ein gewisses Bewusstsein. Die Frage ist, ob das bei Homophobie auch möglich ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man am Schulhof ständig hört, dass alles Mögliche, was einem nicht passt oder was man schlecht findet, mit „schwul“ bezeichnet wird. Wenn man mit den Jugendlichen dann redet und nachfragt, was sie meinen, wissen die wenigsten, was sie sagen. Ich will sie nicht aus der Verantwortung nehmen, die hat man, wenn man etwas sagt. Aber es hängt damit zusammen, dass Homophobie in der Gesellschaft stark verwurzelt ist. In einer Sportkultur, in der es um Stärke und Maskulinität geht, kommt das stärker zu tragen.

 

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