Nach den Donnerstagsspielen sind immerhin noch 13 WM-Teilnehmer ungeschlagen: Darunter neun Teams der Top-10 der FIFA-Weltrangliste, aber eben auch die Nummer 64.
In einer Gruppe mit Titelfavorit Spanien, einem stark besetzten Uruguay und Saudi-Arabien (mit einer hochprofessionellen Liga im Rücken) hätte man Kap Verde im Vorhinein wohl wenig zugetraut.
Geworden ist es am Ende der zweite Platz. Damit steht der Einzug ins Sechzehntelfinale fest. Ausgerechnet in Messis neuer Heimat Miami wartet jetzt Titelverteidiger Argentinien.
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Historisches Ereignis
Die erfolgreichen Auftritte des Außenseiters sind die mitunter schönsten Geschichten des Turniers. Wer Kap Verde auf einer Karte finden möchte, braucht dafür die Westküste Afrikas. Von Dakar, der Hauptstadt Senegals, sind es dann noch rund 650 Kilometer in den Atlantik.
Weniger als 500.000 Menschen leben hier auf neun Inseln. Eine von ihnen, Sao Vicente, hat einen LigaZwa-Routinier hervorgebracht. Flavio spielt seit 2014 in Österreich, in der abgelaufenen Saison für den Floridsdorfer AC.
"Wichtiger für uns war wahrscheinlich nur, als wir unsere Unabhängigkeit feiern durften", ordnet der 30-Jährige ein. Bis 1975 war das Land eine portugiesische Kolonie.
Es ist die erste WM-Teilnahme von Kap Verde, auch beim Afrika-Cup war man bislang erst vier Mal vertreten. Fußball ist die dominante Sportart, aber auch im Basketball und Handball befindet sich das Land im Aufschwung.
Großer Star ist der Torwart
"Ich habe ihm vor dem Spiel gegen Spanien noch geschrieben, da hat er auch geantwortet. Danach ist sein Handy wahrscheinlich explodiert", lacht Flavio über Vozinha. Der 40-jährige Tormann wurde dank einer weißen Weste gegen Spanien quasi über Nacht zum Aushängeschild des Teams.
Hatte er vor dem WM-Debüt rund 50.000 Follower auf 'Instagram', sind es heute fast 17 Millionen. "Soweit ich es mitbekommen habe, hat er eine wirklich sehr gute Einstellung. Er ist schon lange dabei und hat sich das am meisten verdient."
Wenn man auf derselben Insel groß wird, kennt man sich - trotz Altersunterschied. Auch Vozinha und Kapitän Ryan Mendes stammen aus Sao Vicente.
Für Flavio begann die Karriere auf der Straße, auch damals habe er schon von der WM geträumt, meint er. "Es ist ein relativ armes Land, das nicht viel Geld in den Fußball investieren kann, weil es dafür einfach nicht genug hat. Mit Europa kann man das nicht vergleichen."
Organisierte Ligen gibt es auf den jeweiligen Inseln. Die Meister treffen sich später, um gegeneinander zu spielen. Den heutigen Österreich-Legionär zog es aber schon früh nach Europa.
Training mit späteren Weltstars
"Es gab damals einen Spielerberater, der jedes Jahr eine Mannschaft aus Kap Verde nach Portugal gebracht hat, um an Turnieren teilzunehmen. Offiziell war ich nicht einmal Teil davon, aber es hat sich herumgesprochen, dass ich ganz gut sein soll. Deswegen hat er mich auch mitgenommen."
Der Berater habe einen guten Draht zu Leonardo Jardim gehabt, erinnert sich Flavio. Der war damals Trainer von Sporting Lissabon. Deshalb durfte er mehrere Monate als Testspieler bei Sporting Lissabon verbringen. In der U18, der zweiten Mannschaft und bei den Profis - neben Talenten wie Joao Palhina, Martin Podence und Gelson Martins.
Irgendwann konnte ich nicht mehr warten. Dann hat sich die Möglichkeit für ein Probetraining in Österreich ergeben.
"Sie konnten auch nach zwei Monaten noch immer nicht entscheiden und wollten immer wieder andere Spieler beobachten. Irgendwann konnte ich nicht mehr warten. Dann hat sich die Möglichkeit für ein Probetraining in Österreich ergeben."
Rolf Landerl, damals Trainer der Admira Juniors, hatte seine Fühler nach Portugal ausgestreckt.
Die Suche nach Nationalspielern
Der spätere Barcelona-Verteidiger Semedo hätte auch für Kap Verde spielen können, ebenso wie Martins und - abseits der Sporting-Pipeline - auch Nani, oder Renato Sanches. Gelson Fernandes, geboren in der Hauptstadt Praia, absolvierte 67 Länderspiele für die Schweiz.
"Es war immer so, dass sich Spieler für andere Nationalmannschaften entscheiden. Ich glaube schon, dass die WM etwas bewirken kann. Es wird mehr Scouting in Kap Verde geben, die Entwicklung kann richtig gut werden. Die Aufmerksamkeit, die wir bekommen können, ist extrem wichtig", vermutet Flavio.
Die große Diaspora kann so zur Stärke werden. Verteidiger Pico Lopes (34) ist in Irland aufgewachsen und war neben seiner Profikarriere als Bankangestellter tätig, als er 2019 via des sozialen Netzwerks 'LinkedIn' für das Nationalteam angeworben wurde.
Die Landessprachen - Portugiesisch und Kreol - musste er im Nachhinein lernen. Solche Geschichten sollen sich in Zukunft häufen.
Die Hälfte des WM-Kaders wurde außerhalb des Landes geboren.
"Nationenwechsel" könnte bevorstehen
Für Flavio war das Nationalteam nie wirklich in Reichweite. Nur nach einer persönlich erfolgreichen Zweitligasaison 2016/17 wurden Gespräche geführt.
"Mit der Zeit wurde es immer schwieriger. Heute ist es eigentlich unmöglich. Viele Spieler wurden in Europa ausgebildet und spielen bei großen Vereinen."
Derzeit verfolgt er aber ohnehin ein anderes Ziel: Die österreichische Staatsbürgerschaft.
Verdienter Aufstieg
Auf dem Weg zur Weltmeisterschaft hat Kap Verde in der Qualifikation Nationen wie Kamerun und Angola hinter sich gelassen.
Die Leistungen in den USA sind der Mannschaft hoch anzurechnen. Gegen Spanien hat das Team von Trainer Bubista leidenschaftlich verteidigt, der Europameister brachte keinen seiner 27 Schüsse im Tor unter.
Gegen Uruguay ging man zuerst in Führung, geriet dann in Rückstand, um letztlich einen Punkt mitzunehmen. Mit einem weiteren torlosen Remis gegen Saudi-Arabien war der Aufstieg besiegelt.
"Sie haben sich nicht versteckt. Man hat gesehen, dass sie kicken können. Und: Sie haben vor allem fair verteidigt. Gegen Spanien haben sie ein Foul gemacht", sagt Flavio. "Gerechnet hat damit niemand. Vielleicht die Spieler, weil sie selbst am Feld stehen."
Daniel Sauer