WM-Kandidat Nicolas Schmid: "Fühlt sich immer noch surreal an"
Nach seiner ersten Nationalteam-Einberufung wurde der England-Legionär im Herbst von einer Verletzung ausgebremst. Mit 90minuten hat Schmid über seine Entwicklung in Portsmouth, den ÖFB und das Duell mit dem FC Arsenal gesprochen.
Nach der 0:5-Niederlage am Neujahrstag bei Bristol City war Nicolas Schmid noch ein wenig geknickt. Das Team von Gerhard Struber hatte einen guten Tag erwischt, mit einigen Fehlern im ohnehin riskanten Aufbauspiel tat ihnen der FC Portsmouth aber auch einige Gefallen.
Zum Zeitpunkt des Interviews mit 90minuten stand drei Tage später noch das nächste Ligaspiel gegen Ipswich im Kalender, Schmid erkannte darin einen Vorteil, weil es kaum Zeit zum Zweifeln gegeben hätte. Dass die Partie dann kurzfristig verschoben wurde, weil der Platz im Fratton Park gefroren war, dürfte aber auch kein großer Nachteil sein.
"Man merkt schon, dass wir in den letzten Wochen Breite verloren haben. Beim Heimspiel gegen Charlton war unsere Leistung auch nicht optimal, da haben wir den Sieg mit viel Glauben und Willen erzwungen. Das geht leider nicht immer", erklärt der Torwart.
Portsmouth geht mit einem dünnen Kader durch die Saison, den Verletzungsproblemen attestierte die "BBC" gerade erst "epische Dimensionen". Aktuell fehlen sechs Stammspieler, obendrein wurde auch noch ein Leihspieler abgezogen. Ziel des Vereins ist der Klassenerhalt, aktuell liegt man knapp vor den Abstiegsrängen, spielt aber noch mindestens einmal öfter als sämtliche Konkurrenten.
Einsame Silvesternacht
Die stressige Phase um den Boxing Day hat "Pompey" gut überstanden, Schmid selbst bleibt Befürworter der britischen Tradition: "Über die Feiertage habe ich auf Instagram wieder gesehen, dass viele Leute nach England gekommen sind, um Fußballspiele zu schauen. Ich darf hier auf dem Platz stehen, das ist schon etwas sehr Besonderes."
Man freut sich natürlich trotzdem auf das Spiel am nächsten Tag, ist aber früher im Bett.
Die Entbehrungen waren nach seiner Premiere im Vorjahr aber spürbarer: "In der letzten Saison hatten wir nach Silvester ein Heimspiel, da waren wir mit der Familie beisammen, sind aufgeblieben und konnten gemeinsam ins neue Jahr starten. Diesmal bin ich alleine im Hotel gesessen, das war schon komisch und ungewohnt."
Eine Beschwerde formuliert er daraus aber nicht: "Man freut sich natürlich trotzdem auf das Spiel am nächsten Tag, ist aber früher im Bett. Das gehört zum Beruf dazu, ich kann damit umgehen."
An der englischen Südküste fühlt sich der 28-Jährige jedenfalls wohl, vor Weihnachten hat er seinen Vertrag bis 2029 verlängert. Man nimmt ihm ab, dass er sich ernsthaft vorstellen kann, auch in dreieinhalb Jahren noch für Portsmouth zu spielen - das Verhältnis zu den Verantwortlichen, aber auch den Fans, ist gut.
"Es hilft auf dem Platz, wenn 20.000 Fans immer hinter dir stehen, obwohl man gerade erst gekommen ist. Das war neu für mich, die Begeisterung für Fußball ist hier insgesamt deutlich größer als in Österreich. In der Stadt zählt nur der Fußballklub." Verstecken, sagt Schmid, müsse sich der eigene Anhang vor keinem anderen Verein.
Ungewohnt frühe Vertragsgespräche
Nach seinem Abschied von Blau-Weiß Linz im Sommer 2024 entwickelte sich der Oberösterreicher schnell zum Publikumsliebling. Die Wahl zum Spieler des Jahres beendete er als Dritter, von einzelnen Fangruppen erhielt er Preise.
"Wenn Fans nach dem Spiel nach Autogrammen fragen, oder mit mir sprechen wollen, bin ich keiner, der schnell weitergeht. Diese Interaktionen nehme ich schon sehr positiv wahr. Ich habe erst vor Kurzem einen Fan getroffen, der schon über 1.000 Portsmouth-Partien im Stadion gesehen hat. Dann denke ich mir: 'Der hat hier so viele Tormänner gesehen, dem kann man schon glauben, was er sagt. Auch wenn sich vieles mit der Zeit verändert hat.' Das habe ich in Österreich so nicht wirklich erlebt", erzählt Schmid.
Gespräche über eine vorzeitige Vertragsverlängerung haben auch deshalb früh begonnen "Eine erste Andeutung hat der Verein nach der letzten Saison gemacht. Es wird wertgeschätzt, welche Leistungen ich im ersten Jahr gebracht habe - das wollte man damit belohnen."
Wie vieles andere war auch das eine neue Erfahrung für ihn: "So viele Vertragsverlängerungen habe ich noch nicht hinter mir, aus Österreich war ich das aber anders gewohnt. Dort haben die Gespräche oft erst spät begonnen, die Voraussetzungen waren aber auch ganz anders."
Im Rahmen des Möglichen
Der Traditionsklub Portsmouth zählt in der Championship zu den Außenseitern, nach dem Budget gereiht liegt man im Tabellenkeller. In der Premier League mitspielen durfte "Pompey" zuletzt 2009/10, drei Jahre später war man in die Viertklassigkeit gestürzt. Nach sieben Jahren in der dritten Liga gelang 2024 endlich der Aufstieg. Derzeit investiert die Vereinsführung das vorhandene Geld in die Infrastruktur, beim Kader wird gespart.
Lobenswert ist, dass man sich dabei eine realistische Perspektive behalten hat und die Leistungen nüchtern bewertet. Trainer John Mousinho, von dem Schmid viel hält, ist seit beinahe drei Jahren im Amt. Zum Vergleich: 58 Prozent der Championship-Trainer sind noch kein volles Jahr bei ihrem Verein. Vom Österreicher gibt es positive Worte zu diesem Kurs: "Wenn du einem Trainer nicht immer wieder Zeit gibst, um Dinge zu verändern, kann es auf Dauer nicht funktionieren. Es schon richtig gut, das so zu machen, finde ich."
Noch sind in der Saison 2025/26 über 60 Punkte zu vergeben, in Portsmouth stellt man sich trotzdem auf Abstiegskampf ein. Auf den Druck, der dadurch auf der Mannschaft lastet, angesprochen, meint Schmid: "Ich komme damit gut zurecht, weil ich gut von Spiel zu Spiel denken kann. Dann ist der Kopf freier und der Fokus bleibt bei der nächsten Aufgabe. Der dichte Spielplan hat damit auch seine Vorteile."
Es ist gar nicht so leicht, Portsmouth-Fan zu sein, weil es immer wieder Ups und Downs gibt.
Auch die Fans haben ihren Anteil an der relativ konstruktiven Atmosphäre: "Es ist gar nicht so leicht, Portsmouth-Fan zu sein, weil es immer wieder Ups und Downs gibt. Nach dem Spiel gegen Bristol City waren sie überhaupt nicht mit uns zufrieden, aber ich bin mir sicher, dass bei der nächsten Partie der ganze Fratton Park hinter uns steht, wenn wir einmarschieren."
Weltmeistschafts-Kandidat
Ein mögliches Karrierehighlight winkt Schmid dann nach der Saison. Für das Länderspiel gegen Rumänien war er erstmals ins ÖFB-Nationalteam berufen, für ein Debüt hat es noch nicht gereicht.
"Wir sind früh in die Sommerpause gegangen, ich war Anfang Juni schon im Urlaub auf Mauritius. Dort habe ich mich auch mit meiner Freundin verlobt. Ein paar Tage später habe ich den Anruf vom Nationalteam bekommen. Es war schon eine sehr besondere Woche", erzählt Schmid.
Und er reflektiert: "Ein Highlight war natürlich das Spiel in Wien im vollen Stadion. Das fühlt sich immer noch ein bisschen surreal an. Ich habe vor drei Jahren noch in der 2. Liga gekickt, bei Blau-Weiß Linz, damals noch im alten Stadion vor 800 Leuten. Seitdem ist extrem viel passiert."
Vor ein paar Jahren hat alles noch anders ausgesehen, andere in meinem Alter waren viel weiter.
An Selbstvertrauen mangelt es dem Torhüter nicht: "Ich war immer der Meinung, dass ich die Qualität habe, um es dorthin zu schaffen. Vor ein paar Jahren hat alles noch anders ausgesehen, andere in meinem Alter waren viel weiter und haben größere Erfolge gefeiert. Ich sehe das schon als Bestätigung für viel harte Arbeit und Durchhaltevermögen."
Weil Tobias Lawal und Niklas Hedl ihre Stammleiberl zwischenzeitlich verloren haben, steht die Tür des WM-Zuges für 2026 aktuell noch offen. Gesetzt sind wohl nur Patrick Pentz und Alexander Schlager.
Duell mit den "Gunners"
Argumente sammeln kann Schmid erst wieder seit wenigen Wochen. Ausgerechnet im Derby gegen Southampton hatte er Mitte September Pech: "Es war eigentlich eine Fehleinschätzung von mir. Mein Verteidiger und Stürmer sind einem Ball nachgerannt, ich wollte vor ihnen klären. Der Stürmer hat dann den Verteidiger ein bisschen in mich hinein geschubst, meine Hand war zwischen meinem Hüftknochen und seinem Kopf eingezwickt."
Vom Bruch des Mittelhandknochens hat er sich inzwischen aber wieder voll erholt, nach zwei Wochen durfte er wieder mit Soft- und Tennisbällen trainieren. "Es gehört dazu, wie viele andere Dinge im Sport. Natürlich war das bitter, aber mir ist lieber es passiert im Herbst, als im kommenden Sommer."
Gegen Arsenal spielt man nicht jeden Tag, darauf würde ich mich natürlich richtig freuen.
Das Duell mit dem FC Arsenal im FA Cup musste Schmid von der Tribüne verfolgen, Backup Josef Busik durfte für eine Partie ins Tor rotieren. Mit dieser Konstellation hat der Österreicher kein Problem: "Ich bin Profi genug, das zu akzeptieren. Der Fokus liegt auch schon wieder auf der nächsten Ligapartie." Vorzeichen eines Transfers, wie nach dem Spiel auf Social Media von einigen Fans vermutet, war die Pause jedenfalls nicht.
Auf die Abschlussfrage nach seinem Lieblingsverein auf der Insel - neben seinem aktuellen - wollte der ÖFB-Legionär lieber nicht antworten. Nur eines ließ er durchklingen: Arsenal ist es nicht.
Daniel Sauer