Es ist ein angenehm warmer und etwas windiger Nachmittag auf dem ÖFB-Campus in Wien-Aspern. Auf dem Rasenplatz ganz hinten, direkt an der Sonnenallee gelegen, trainieren die Kicker des Proficamps der "Younion".
Unter ihnen ist auch Max Wöber, der auf dem Campus seit seiner Verletzung vor der WM an seinem Comeback arbeitet. "Mittlerweile bin ich wieder soweit, dass ich ein Mannschaftstraining voll mitmachen kann", sagt der 28-Jährige im Gespräch mit 90minuten.
"Es ist eine großartige Gelegenheit, wieder einen guten Einstieg zu finden", erklärt er. Ein Einstieg, den er braucht. In Kürze startet die Vorbereitung bei Leeds United, wo Wöber noch bis Sommer 2027 unter Vertrag steht.
Die WM konnte er aufgrund der Verletzung nur als Zaungast verfolgen. Im Interview zieht Wöber Bilanz zum Abschneiden des ÖFB-Teams, spricht über das derzeit viel diskutierte Ende der "Pressing-Ära" und wo er in der Ausbildung Innovationsbedarf sieht.
90minuten: Du bist zum ersten Mal im Younion-Camp dabei, wie hast du deinen ersten Tag erlebt?
Max Wöber: Dank der Bedingungen auf dem ÖFB-Campus ist es eine tolle Gelegenheit für alle Jungs, die sich fit halten möchten. Es gibt in Österreich, oder vielleicht sogar in Europa, wenige vergleichbare Infrastrukturen.
90minuten: Wie ist der Kontakt zustandegekommen?
Wöber: Ich habe mich vor der WM verletzt, einen Teil der Reha habe ich noch beim Nationalteam absolviert. Als das Nationalteam in die USA gereist ist, habe ich den Campus weiter genutzt und die Reha mit meinem Reha- und meinem Physiotrainer absolviert. Ich habe dann Anfang Juni mitbekommen, dass die Jungs aus dem Camp hier trainieren. Darunter war auch der eine oder andere Bekannte, wie Stephan Auer und Richard Windbichler. Wir haben uns unterhalten und mittlerweile bin ich wieder soweit, dass ich ein Mannschaftstraining voll mitmachen kann. Es dauert noch eine Woche, bis bei mir die Vorbereitung losgeht, deswegen ist das eine großartige Möglichkeit, wieder einen guten Einstieg zu finden.
Wenn man die Jungs dann beim ersten Spiel bei der Hymne stehen sieht, denkt man sich schon: "Da könntest du jetzt auch stehen."
90minuten: Das heißt, der Plan ist, dass du zu Leeds zurückkehrst?
Wöber: Ich habe dort noch ein Jahr Vertrag, aber wie sich letztlich alles ergibt, wird man sehen. Für mich ist wichtig, wieder richtig fit zu sein.
90minuten: Hinter dem ÖFB-Team liegt eine WM, an der du nicht teilnehmen konntest. Wie schwer war es, vor dem Fernseher zu sitzen und zuzusehen? Ohne die Verletzung wärst du ein klarer Kandidat für eine Nominierung gewesen.
Wöber: Wäre das (mit der Verletzung, Anm.) am vorletzten Spieltag nicht passiert, wäre ich guter Dinge gewesen, trotz meines "Verletzungsjahres" dabei zu sein. Dementsprechend war es natürlich extrem hart. Nach einem Jahr mit Verletzungen trägt einen ein Großereignis wie die WM durch diese Phase hindurch und baut einen auf. Es ist nach der Diagnose und den Gesprächen mit Ralf (Rangnick, Anm.) rasch klar geworden, dass es keinen Sinn macht und sich wahrscheinlich auch nicht ausgeht. Wenn man die Jungs dann beim ersten Spiel bei der Hymne stehen sieht, denkt man sich schon: "Da könntest du jetzt auch stehen." Das ist emotional und hart, aber sobald das Spiel losgeht, ist man nur noch Fan und feuert die Jungs aus der Ferne an. Egal um welche Uhrzeit.
90minuten: Das Abschneiden Österreichs bei der WM wird heiß diskutiert, es gibt durchaus kritische Stimmen. Wie bilanzierst du?
Wöber: Aufgrund der letzten Jahre war die Erwartungshaltung sehr hoch. Wenn man sich Nationen wie Mexiko, Paraguay und die USA ansieht - die sind noch eine Runde weitergekommen als wir. Norwegen, das wir in der Nations League mit 5:1 geschlagen haben, wirft Brasilien aus dem Turnier. Natürlich steigen dadurch die Erwartungen. Man muss aber auch sehen, dass wir mit Argentinien den amtierenden Weltmeister in der Gruppe hatten und im Sechzehntelfinale auf den amtierenden Europameister Spanien getroffen sind. Viel unglücklicher hätte der Weg nicht sein können.
Von den Leistungen her war es teilweise gut, aber wir wissen auch alle, dass wir es noch besser machen können. Ich kann aber die kritischen Stimmen, die sagen, dass uns nur wieder mal aufgezeigt wurde, dass wir da eh nicht mithalten können, nicht nachvollziehen. Wir waren das erste Mal seit fast 30 Jahren wieder bei einer WM. Ich halte die Schweiz für ein super Vorbild, die die letzten Male immer für die Großereignisse qualifiziert war und dadurch schon routinierter ist. Man hat auch gemerkt, dass eine WM noch ein wenig spezieller ist als eine EM. Das Getöse rundherum ist noch mehr, ganz Österreich fiebert noch mehr mit, auch medial ist es nochmal größer. Vielleicht hat uns dieser "WM-Modus" ein bisschen gefehlt. Grundsätzlich haben unsere Jungs aber alles auf dem Platz gelassen und sich super präsentiert.
Ich denke, Pressing-Fußball wird es immer geben. Und solange Ralf Rangnick bei uns Teamchef ist, wird es immer ein wichtiger Bestandteil sein.
90minuten: Die große Stärke des ÖFB-Teams ist der Pressingfußball. Immer öfter liest man mittlerweile, die "Pressing-Ära" sei vorbei. Wie siehst du das?
Wöber: Ich denke nicht, dass sie vorbei ist. Wenn man sich den Spitzenfußball ansieht, wie bei der WM oder in der Champions League, ist Pressing noch immer ein extrem wichtiger Bestandteil. Man muss Pressing immer differenzieren: Läuft man "blind" vorne drauf oder spielt man Mittelfeld-Pressing, wo man den Gegner in eine Zone locken will, um dort dann draufzugehen? Ich denke, Pressing-Fußball wird es immer geben. Und solange Ralf Rangnick bei uns Teamchef ist, wird es immer ein wichtiger Bestandteil sein.
90minuten: Welche Bedeutung hat es nicht nur für das ÖFB-Team, sondern für ganz Fußball-Österreich, dass Ralf Rangnick seinen Vertrag verlängert hat?
Es zeigt, dass die Mannschaft und der ÖFB super Schritte gemacht haben. Das ist auch ihm und seinem Trainerteam zu verdanken. Und es zeigt, dass er auch sieht, dass mit dieser Mannschaft in den nächsten vier bis sechs Jahren einiges möglich ist. Man hat bei der EM und der WM die Gruppenphase überstanden und dadurch wichtige Erfahrungen gesammelt. Die Jungs haben jetzt Spiele bei Großereignissen in den Beinen. Darauf kann man nun aufbauen und den nächsten Schritt machen. Das hat er in der Mannschaft gesehen. Ich glaube, dass für ihn auch der ganze ÖFB als Konstrukt wichtig war - mit Jugend-, Kinder- und Frauenfußball. Man merkt, dass ihm das extrem am Herzen liegt und dass da in Österreich noch Aufholbedarf herrscht. Da ist er der Mann, dem man vertrauen kann und der das mit der ein oder anderen Innovation wieder auf Schiene führt.
90minuten: Stichwort Innovation: Wo siehst du Innovationsbedarf?
Ich halte es für wichtig, Kindern wieder die Freiheiten zu geben, ihre Kreativität auszuleben, und ihnen zu zeigen, dass es trotzdem um Gewinnen und Verlieren geht. Man darf es nicht zu wichtig machen, aber es ist wichtig, das zu lernen. Das ist in jungen Jahren eine wertvolle Erfahrung. Ich kann nur von mir sprechen: Das Schönste war, wenn man irgendwo ein Jugendturnier gewonnen hat oder Torschützenkönig geworden ist. Genauso wichtig ist die Erfahrung, in so einem Turnier einmal ein Finale zu verlieren und zu lernen, damit umzugehen. Daran wächst man als Kind, als Jugendlicher und als Mannschaft. Das schweißt einen zusammen.
90minuten: Vielen Dank für das Gespräch!
René Mersol