Sommerzeit ist Transferzeit!
Allerdings schaffen es nicht alle vereinslosen Profis zu einer neuen Mannschaft und finden sich in einer vertrags- und arbeitslosen Situation wieder. Betroffene Spieler:innen können beim sechswöchigen Proficamp der "Younion" teilnehmen, welches diesen Sommer zum zwölften Mal stattfindet.
Cheftrainer ist dieses Jahr Emin Sulimani. Er war der letzte Trainer in der Geschichte des SV Stripfing. Nach der Zahlungsunfähigkeit des Vereins musste im Herbst 2025 der Spielbetrieb eingestellt werden. Spieler, Trainer und Funktionäre mussten sich daraufhin nach neuen Arbeitgebern umsehen.
Sulimani hat für diesen Sommer seine Rolle beim "Younion"-Proficamp gefunden. Im Interview spricht er über die Herausforderungen vertragsloser Profis und seine eigene berufliche Zukunft.
90minuten: Wie funktioniert dieser Lehrgang, wie ist er organisiert?
Emin Sulimani: Das Younion Camp ist für Profifußballer, die nach der Saison keinen laufenden Vertrag haben. Nach dem Urlaub sollen sie ein professionelleres Training vorfinden, damit sie bei einem neuen Verein nahtlos mit einsteigen können. Ein großes Dankeschön gilt der Younion, die das seit vielen Jahren organisiert. Heuer sind wir das erste Mal am ÖFB-Campus. Auch an den ÖFB richte ich ein Riesendankeschön. Die Bedingungen, die wir hier vorfinden, sind schon außergewöhnlich und richtig, richtig professionell. So können wir gut arbeiten.
90minuten: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie Cheftrainer des diesjährigen Camps wurden?
Sulimani: Es gab vor allem Kontakt mit Thomas Hinum. Wir haben schon einmal während des Frühjahrs lose darüber gesprochen. Dann ist es relativ kurzfristig und schnell gegangen, als er sich erneut bei mir gemeldet hat. Ich habe sofort zugesagt. Ich bin jetzt nämlich auch schon ein paar Monate ohne Klub und es ist schön, wenn man wieder in einen Rhythmus kommt.
"Wenn du ständig nur alleine trainierst, kannst du natürlich etwas kompensieren, aber ein Mannschaftstraining ist komplett was anderes."
90minuten: Wie läuft eine typische Woche im Camp ab?
Sulimani: Am Montag in der Früh kommen wir zusammen. Am Nachmittag haben wir eine Trainingseinheit. Am Dienstag und Mittwoch trainieren wir jeweils zwei Mal und am Donnerstag ist in der Früh noch ein Training. Dann werden die Spieler wieder bis nächsten Montag entlassen. Die Verpflegung hier ist überragend. Wir haben immer sehr abwechslungsreiches Frühstück, Mittag- und Abendessen. Die ganze Infrastruktur ist richtig gut.
90minuten: Wie sehr kann man mit taktischen Trainingsmethoden arbeiten, nachdem die Spieler davor und wahrscheinlich danach auch wieder in komplett andere Richtungen gehen? Oder steht mehr die spielerische Fitness im Vordergrund?
Sulimani: "Richie" (Co-Trainer Richard Windbichler, Anm.) und ich haben uns überlegt, wie wir die sechs Wochen gestalten und welche Schwerpunkte wir setzen. Einerseits wollen wir versuchen, die Spieler:innen körperlich auf ein sehr gutes Level zu heben. Ich war selbst in der Situation, ich weiß, wie schwierig das ist. Wenn du ständig nur alleine trainierst, kannst du natürlich etwas kompensieren, aber ein Mannschaftstraining ist etwas komplett anderes. Die taktische Komponente ist weniger im Fokus, weil die neuen Klubs wieder eine ganz andere Herangehensweise haben. Deswegen schauen wir, dass wir sehr viel in der körperlichen Komponente und in kleinen oder großen Spielformen machen. Da sind wir sehr flexibel in der Herangehensweise.
90minuten: Was sind die großen Herausforderungen eines vertragslosen Profis in dieser Situation, sowohl für Spieler als auch für Trainer?
Sulimani: Ich habe es als Spieler selbst erlebt und weiß, wie schwierig es ist, die Situation zu realisieren. Man denkt, man hat ein ganzes Jahr gut gespielt und trotzdem findet man sich in dieser Situation wieder. Das ist vor allem mental nicht einfach, immer im Fokus und motiviert zu bleiben. Man sieht, dass die anderen Klubs alle mit der Vorbereitung begonnen haben. Dann hat man das Gefühl, es vergeht Woche für Woche und hat immer mehr Druck, bei einem Klub unterzukommen. Das ist eine hohe mentale Belastung. Da wollen wir mit vielen Gesprächen versuchen entgegenzuwirken.
90minuten: Und aus Trainer-Sicht?
Sulimani:Ich nehme das Younion Camp einfach sehr positiv an und freue mich, dabei sein zu können. Ich bin jetzt mehrere Monate ohne Job und genieße das einfach. Man macht wieder das, was man gerne tut und die letzten Jahre gemacht hat.
Das oberste Ziel ist, dass viele Spieler:innen bei einem Verein unterkommen, im Idealfall so früh wie möglich.
90minuten: Wie funktioniert die Kommunikation zwischen interessierten Vereinen und Ihnen? Werden Sie persönlich auch nach den Leistungen im Training angesprochen?
Sulimani: Ich hatte schon mit mehreren Trainern Kontakt, die Interesse an einem Spieler haben. Sie erkundigen sich und fragen nach einer Einschätzung. Da ist schon eine sehr, sehr rege Kommunikation zwischen den potenziellen Klubs und uns. Wenn wir das Gefühl haben, dass der eine oder andere Spieler bei einem Verein wirklich gut reinpassen würde, versuchen wir auch mit Bekanntschaften etwas in die Wege zu leiten. Natürlich ist das nicht ganz so einfach, aber man unterstützt, wo es geht.
90minuten: Woran messen Sie den Erfolg des diesjährigen Proficamps? Gibt es da einen gewissen Maßstab, ein konkretes Ziel?
Sulimani: Das oberste Ziel ist, dass viele Spieler:innen bei einem Verein unterkommen, im Idealfall so früh wie möglich. Wir wollen sie gut darauf vorbereiten. Denn es geht um ihren Job, um eine Existenzgrundlage, sie müssen Geld verdienen.
Ich habe sehr, sehr viele positive Dinge aus der Zeit mitgenommen.
90minuten: Ihre persönliche Zukunft betreffend, haben Sie konkrete Ziele beziehungsweise Pläne, wie es weitergehen soll, wenn dieses Camp zu Ende geht?
Sulimani: Für uns Trainer ist die Situation generell nicht so einfach, wenn wir ohne Klub sind. Es gibt viele sehr gute Trainer, die in einer ähnlichen Situation sind. Da die Meisterschaft jetzt schon begonnen hat, sind einige Plätze vergeben und man muss vielleicht bis zum Winter warten, bis sich etwas ergibt. Ehrlicherweise war es schon mein Ziel, im Sommer wieder wo zu arbeiten. Es hat aber nicht so gepasst, dass wir zusammengefunden haben. Deswegen bin ich froh, dass Richard und ich hier die Trainings leiten. Es ist ein gutes Gefühl, wieder ins Tun und Arbeiten zu kommen. Es wäre schön, wenn sich im Laufe der Zeit eine neue Herausforderung ergibt.
90minuten: Eine Abschlussfrage in Bezug auf Ihre Vergangenheit beim SV Stripfing. Nachdem jetzt ein paar Monate vergangen sind, wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Sulimani: Das Ende war natürlich für alle Beteiligten wirklich tragisch. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, für mich persönlich war die Zeit eigentlich nur positiv.
90minuten: Inwiefern?
Sulimani: Ich habe sehr viele positive Dinge aus der Zeit mitgenommen. Es gab eine richtig tolle und enge Zusammenarbeit mit sehr vielen Trainern der Austria. Trotzdem waren es auch zehn Monate, die sehr intensiv waren und mich wirklich gefordert haben. Wir haben sehr viel investiert und gearbeitet. Das erste halbe Jahr war ein unglaublicher Kraftakt, um die Mannschaft in der Liga zu halten. Ich denke, dass alle, die involviert waren, sehr, sehr viel daraus gelernt haben. Rein sportlich können wir zufrieden sein. Natürlich ist es traurig für den Verein, dass es zu Ende gegangen ist, aber aus persönlicher Sicht habe ich aus der Zeit sehr viel Positives mitgenommen. Es war eine sehr lehrreiche und – mit den Teilerfolgen - schöne Zeit, leider mit einem bitteren Ende.
90minuten: Vielen Dank für das Gespräch!