Binnen elf Monaten von LigaZwa in die Premier League - Jannik Schuster hat aufregende Monate hinter sich.
Der 20-Jährige gehört aktuell zur ersten Elf des FC Brentford, wurde beim 3:0 gegen Chelsea mit einer Vorlage sogar zum Mann des Spiels gewählt.
Beim U21-Nationalteam des ÖFB will Schuster seinen Erfolgslauf fortsetzen. Vor den entscheidenden Qualispielen gegen Dänemark und Wales hat der Innenverteidiger mit 90minuten über seinen steilen Aufstieg, die ersten Spiele in England und Ralf Rangnick gesprochen.
Warum Klimmzüge sowie Bizeps Curls eine Rolle spielten und mit welchem Ex-Rapidler er gemeinsam weiter die Bundesliga verfolgt, erfährst du im ersten exklusiven Interview mit Schuster seit seinem Brentford-Transfer.
Das gesamte Interview im VIDEO
90minuten: Mit welchem Gefühl geht es für dich in diesen U21-Länderspiel-Lehrgang?
Jannik Schuster: Mit einem positiven: Ich war jetzt eh länger nicht da, weil ich den Sommerlehrgang verpasst habe. Es war einfach cool, wieder alle zu sehen und das Training hat heute richtig Spaß gemacht. Also ich freue mich jetzt auf die nächsten Trainings und auf die Spiele.
90minuten: Wie nimmst du die Mannschaft wahr? Hat es Überraschungen gegeben in den Leistungen? Hast du von irgendwem einen Sprung gesehen im Vergleich zum letzten Mal, wo du dabei warst?
Schuster: Der Kader hat sich schon ziemlich geändert. Es kommen jetzt immer mehr Junge nach. Ich kenne einige von Liefering noch damals, weil ich mit ihnen gespielt habe. Zum Beispiel Zabi (Zabransky, Anm.). Freut mich natürlich, dass man die wieder sieht.
90minuten: Vor dem März-Lehrgang hast du in einem Interview mit dem ÖFB gesagt, dass du zwei Ziele hast: mit der U21 zur EM zu fahren und irgendwann in der Premier League zu spielen. 50 Prozent sind schon mal erreicht. Wie siehst du die Chancen, dass das andere Ziel aufgeht?
Schuster: Natürlich bin ich erstmal froh, dass ich eins von beiden schon mal geschafft habe. Aber ich glaube, dass die Chancen nicht so schlecht stehen. In Dänemark haben wir das Hinspiel 1-1 gespielt. Sie waren, glaube ich, einen Tick besser. Aber auch mit dem aktuellen Kader, den wir haben, jetzt auch zu Hause, haben wir sicherlich eine Chance. Und wenn wir das Spiel gewinnen, dann schaut es nicht schlecht aus.
90minuten: Du hast nach deinem Wechsel in die Premier League wirklich aufregende Wochen, Monate hinter dir. Wie hast du die Zeit nach dem Transfer, mit dem Öffentlichkeitsrummel und allem drumherum erlebt?
Schuster: Am Anfang war schon viel Gerede. Aber wir haben eher versucht, das ruhig zu halten. Und ich glaube, es ist uns nicht so schlecht gelungen. Das war jetzt extrem cool. Ich dachte auch nicht, dass es so schnell geht. Aber manche Konstellationen ergeben dann, dass man dann einfach spielt. Ich habe versucht, möglichst bereit zu sein. Und das ist mir ganz gut gelungen.
90minuten: Wie fühlt man sich bei seinem Premier-League-Debüt?
Schuster: Schon gut. (lacht) Nein, ich glaube, das war schon immer mal ein Ziel von mir. Es hat einfach richtig Spaß gemacht. Es war ein extrem unerwarteter Moment, weil ich gar nicht realisiert habe, dass da jetzt irgendwer verletzt ist. Ich bin einfach Aufwärmen gegangen und dann war man schon drin. Es ist alles so schnell gegangen. Aber es hat sich schon richtig cool angefühlt.
90minuten: Wenn es so schnell geht, hat man wahrscheinlich gar keine Zeit, nervös zu werden, oder?
Schuster: Nein, das ist das Ding. Darüber habe ich bereits mit meinen Eltern geredet. Ich finde, so Debüts zu geben ist eigentlich deutlich angenehmer, wenn man so aus dem Nichts reingeworfen wird. Da hat man gar keine Zeit, nervös zu sein. Wenn man es einen Tag davor weiß, dass man jetzt startet, dann kribbelt es schon ein bisschen mehr.
90minuten: War das dementsprechend im League Cup ein bisschen anders von der Nervosität her?
Schuster: Ja, da war ich schon ein bisschen nervöser. Bis jetzt ist mir das eigentlich meistens recht gut gelungen mit der Nervosität. Aber ich bin schon ein Mensch, der auch nervös ist.
Ich glaube, seine Waden sind größer als mein Oberschenkel.
90minuten: Gut gelungen, kann man sagen, ist das letzte Ligaspiel. 3:0 gegen Chelsea, was ja an sich schon mal ein Ausrufezeichen ist. Dann gibst du eine Vorlage, wirst zum Man of the Match gewählt. Hättest du irgendwie besser ankommen können bei Brentford?
Schuster: (lacht) Ich glaube jetzt mal nicht. Aber der Verein, die Mitarbeiter, die Spieler haben mich super aufgenommen. Die haben es mir echt nicht so schwer gemacht. Es ist einfach ein super Umfeld und ich habe mich direkt wohlgefühlt. Und ich bin auch froh, dass ich auch gute Leistungen zeigen konnte.
90minuten: Was war bisher die härteste Aufgabe für dich bei Brentford? Welcher Spieler war am härtesten zu verteidigen? Bei deinem Debüt in der Premier League war es ja Brian Brobbey, der jetzt körperlich auch nicht der Schlechteste ist.
Schuster: Nein, nein, wir haben eh schon geredet. Ich glaube, seine Waden sind größer als mein Oberschenkel. Es war schon cool, gegen so jemanden zu spielen. Das ist das Besondere an der Premier League. Jedes Wochenende kommt ein neuer Stürmer, der andere Qualitäten mitbringt. Und das wird nie langweilig, sag ich mal (schmunzelt).
90minuten: Wie war es gegen Cole Palmer? Ist er ein Trashtalker?
Schuster: Ich muss ehrlich sein, mit ihm hatte ich gar nicht so viele Berührungspunkte, weil er eher auf der anderen Seite war. Er hat mich nicht beleidigt, ich habe ihn auch nicht beleidigt. (lacht)
90minuten: Exakt elf Monate vor dem Chelsea-Spiel hast du noch dein letztes LigaZwa-Spiel bestritten. Was sagt das über dich aus, dass du innerhalb kürzester Zeit so einen Riesensprung gemacht hast?
Schuster: Elf Monate ist das her?
90minuten: Elf Monate, ja.
Schuster: Boah.
90minuten: Ich glaube, du hast in der letzten Saison nur zwei Spiele in LigaZwa gemacht.
Schuster: Das erste gegen Austria Salzburg und das zweite gegen den FAC, da bin ich ausgewechselt worden nach 26 Minuten. Ich war da extrem krank. Das war so ein Kollaps.
90minuten: Was sagt das über dich aus, dass du innerhalb von so kurzer Zeit - elf Monate – von LigaZwa in die Premier League gekommen bist?
Schuster: Ich habe keine Ahnung, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Es ist alles schon sehr schnell gegangen. Von der U18 zu Liefering, dann zu den Profis und jetzt zu Brentford. Ich habe bei jeder Station versucht, mich weiterzuentwickeln, hart zu arbeiten und die Chancen zu nutzen, die ich bekommen habe. Jede Chance musste ich mir auch erarbeiten und ich glaube, dass ich die Möglichkeiten, die ich bekommen habe, ganz gut für mich nutzen konnte. Dass es dann so schnell bis in die Premier League gegangen ist, hätte ich natürlich trotzdem nicht erwartet.
90minuten: Da nimmt man den Flow einfach mit, oder?
Schuster: Ja, man versucht es.
90minuten: Hast du die Zeit, das zu realisieren und auch mal sacken zu lassen? Oder kommt das erst in zehn, 15 Jahren?
Schuster: Also wirklich sacken lassen, da bin ich erstens nicht so der Mensch dafür, dass ich da jetzt groß darüber nachdenke. Aber zum Beispiel jetzt gegen Chelsea waren meine Freunde da. Ich war jetzt zu Hause am Wochenende. Ich glaube, man merkt es einfach an den Mitmenschen, Freunden, Familie, wie stolz die dann sind. Das gibt einem ein super Gefühl. Aber dass ich jetzt in meinem Zimmer sitze und mir denke: Boah, eigentlich cool. Das habe ich bis jetzt noch nicht gehabt.
90minuten: Wie ist es von der englischen Medienwelt her? Die wird ja häufig als sehr hart verschrien. Ich meine, bei dir hat es noch nicht viel Grund gegeben, aber wie hast du das wahrgenommen? Gerade im Vergleich zu Österreich ist es medial ein Riesenunterschied.
Ich bin auch schon mal von den eigenen Fans ausgepfiffen worden, weil ich schlecht gespielt habe. Jetzt werde ich quasi in den Himmel gelobt.
Schuster: Zum Glück habe ich es bis jetzt noch nicht negativ an meiner Seite erlebt. Aber ich habe natürlich mitbekommen, wie nach unserem Sieg mit Chelsea umgegangen wird, wie mit Tottenham zurzeit umgegangen wird. Ich glaube, das ist schon richtig hart.
90minuten: Auf der anderen Seite wurdest du von einigen TV-Experten gefeiert.
Schuster: Ja, so ist es einfach im Fußball. Ich bin auch schon mal von den eigenen Fans ausgepfiffen worden, weil ich schlecht gespielt habe. Jetzt werde ich quasi in den Himmel gelobt. Man muss da ein bisschen den Mix sehen und ein bisschen realistisch bleiben. Aber das ist auch das Schöne am Fußball, dass man dann von den Fans gefeiert wird.
90minuten: Hast du schon einen Fangesang oder einen Spitznamen über dich gehört? Oder dauert das noch?
Schuster: Nach einem Spiel habe ich einmal kurz etwas gehört. Aber ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie das gegangen ist. Das war nur ganz kurz.
90minuten: Mit Keith Andrews hast du einen wirklich speziellen Cheftrainer bei Brentford. Er ist einen besonderen Weg gegangen, war vorher Standardtrainer, davor nur Co-Trainer und ist jetzt Chefcoach. Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit unter ihm von deinen ehemaligen Cheftrainern?
Schuster: So viele Trainer hatte ich jetzt auch noch nicht. Aber ich glaube, jeder Trainer hat seine eigenen Stärken und Schwächen. Er ist ein sehr familiärer Trainer, wie er mit den Spielern umgeht. Man hat das Gefühl, man bekommt das Vertrauen. Das ist speziell als junger Spieler recht wichtig. Ich merke dann das Vertrauen, das er auf mich setzt, dass er mich gerne reinhaut, wenn ich gebraucht werde. Das ist ein super Gefühl, wenn man zu einem neuen Verein kommt.
90minuten: Wie viel Wert legt ihr unter dem Ex-Standardcoach Andrews auf die Standards? Ein aberkanntes Standard-Tor hast du im Cup ja schon gemacht.
Schuster: Erstens einmal: Das aberkannte Tor war kein Foul! (lacht) Aber es wird schon sehr viel Fokus darauf gelegt. In jedem Training hat ein kleiner Teil etwas mit Standards zu tun. Das Trainerteam glaubt, dass es einen extremen Impact macht. Ich merke das auch langsam, wie sehr Standards einen Impact machen. Was es für einen Unterschied macht, wenn ich 1:0 in Führung gehe durch einen Standard oder plötzlich 0:1 zurückliege wegen eines Standards. Bei uns läuft es auch recht gut zurzeit. Wir versuchen, am Ende der Saison bei der Standard-Nettoliste positiv zu sein.
90minuten: Wie ist es in den Trainings, abgesehen vom Standardtraining, gegen Igor Thiago zu verteidigen oder gegen Kevin Schade? Physis ist auf jeden Fall ein Thema bei euch, wie man merkt.
Speziell in den ersten zwei Wochen habe ich mir gedacht: Boah, jetzt muss ich noch ein paar Klimmzüge und Bizeps Curls machen.
Schuster: Ja, schon. Speziell in den ersten zwei Wochen habe ich mir gedacht: Boah, jetzt muss ich noch ein paar Klimmzüge und Bizeps Curls machen. Aber es ist einfach super speziell als junger Spieler, wenn man noch lernfähig ist, gegen solche Leute zu trainieren. Das kommt einem nur zugute. Ich versuche, jedes Training anzunehmen und hart zu verteidigen. Dann kommen auch harte Zweikämpfe zurück. Aber ich glaube, dass mich das besser macht. Ich hoffe, dass ich noch einige Zweikämpfe gegen ihn machen darf.
90minuten: Hast du schon in einem Spiel einen Moment gehabt, in dem du dachtest: Was macht der Schiri da? Wie war das kein Foul?
Schuster: Also gegen mich: selten, muss ich sagen. Aber speziell gegen Brobbey, den habe ich schon einige Male festgehalten, was wahrscheinlich in Österreich öfter ein Foul gewesen wäre. Aber in der Premier League wird das einfach selten gepfiffen. Man lernt zu wissen, wo die Grenze ist, wie man ihn festhalten kann, wie sehr man quasi foulen darf, dass es noch kein Foul ist.
90minuten: Ich frage jetzt gar nicht nach Vergleichen zwischen Premier League und der österreichischen Bundesliga. Aber was hat dich bei deinen ersten Einsätzen in England jetzt am meisten überrascht oder sogar beeindruckt?
Schuster: Erstens mal die Atmosphäre in England, die ist schon anders zu Österreich. Es war cool, zum Beispiel in Leeds, was da abgeht, wenn ein spannendes Spiel ist, wenn es hin und her geht. Das ist schon beeindruckend. Von den Spielen her war es speziell in der Vorbereitung extrem anstrengend. Da habe ich mir gedacht: Ob ich da jetzt noch mithalten kann? Weil wir schon extrem viel gelaufen sind. Ich finde, man gewöhnt sich mit der Zeit an die Intensität und es kommt einem dann gar nicht mehr so arg vor, weil es alles so schnell geht. Die ersten Wochen habe ich mir schon gedacht: Das ist eine andere Intensität, die dort herrscht.
90minuten: Wie hast du das überwunden? In der Vorbereitung noch mehr investiert oder ist es dann irgendwann weniger geworden und du hast dich einfach dran gewöhnt?
Schuster: Ich habe einfach geschaut, dass ich gut auf meinen Körper achte, dass der das aushält. Am Anfang ist es extrem anstrengend, aber man gewöhnt sich schnell dran.
90minuten: Du bist ja nicht der einzige Ex-Bundesliga-Kicker bei Brentford: Mit Mamadou Sangaré von Rapid gibt es ja noch einen zweiten, der jetzt gekommen ist. Verfolgt ihr beide die Bundesliga? Schaut ihr sogar gemeinsam?
Schuster: Tatsächlich stelle ich öfter im Bus das iPad auf. Die österreichische Bundesliga ist zurzeit die Liga, die ich am meisten schaue, weil man von jedem Verein einfach jemanden kennt. Wir haben Rapid gegen GAK sogar gemeinsam geschaut. Er hat mir auch erzählt, in Lens hat er mit Sammy (Samson Baidoo, Anm.) die Spiele geschaut, jetzt verfolgt er sie mit mir. Ich glaube, er hat schon noch ein bisschen ein grün-weißes Herz. (lacht)
90minuten: Gab es vielleicht einen Kommentar von dir nach dem 5:1 von Salzburg gegen die Rapidler?
Schuster: Jaja, also wir haben schon geredet. (schmunzelt) Ich hoffe natürlich, dass Salzburg Meister wird. Er hofft, dass Rapid Meister wird. Aber das Duell ist mal zuerst an mich gegangen.
90minuten: Wie hat er reagiert?
Schuster: Eigentlich recht gelassen. Ich glaube, er vertraut den Rapidlern. Spricht auch für ihn, die sind zurzeit an der Spitze.
90minuten: Gibt oder gab es schon Gespräche mit Ralf Rangnick?
Schuster: Ich habe noch nie mit ihm geredet, aber ich mache mir da echt keinen Stress. Mein Fokus liegt jetzt erstmal darauf, mich bei Brentford weiterzuentwickeln und mich dort langfristig zu etablieren. Ich möchte dort möglichst viele Spiele machen und zeigen, dass ich auf diesem Niveau konstant meine Leistung bringen kann. Wenn der Teamchef dann irgendwann der Meinung ist, dass ich bereit bin und der Mannschaft helfen kann, würde ich mich natürlich sehr darüber freuen.
90minuten: Danke für das Gespräch.
Jonas Pamperl