Gregoritsch: "Ich kann mich an das Bosnien-Spiel nicht erinnern!"
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Gregoritsch: "Ich kann mich an das Bosnien-Spiel nicht erinnern!"

Was er gerne früher kapiert hätte, was er Jungen nie sagen möchte und warum er den besten Job der Welt hat. Michael Gregoritsch im Interview:

Vor über 15 Jahren hat Michael Gregoritsch in der Bundesliga für die Kapfenberger SV ein Tor geschossen - er war damals 15 Jahre alt und ist heute noch der jüngste Torschütze der Liga-Geschichte.

Seither hat der Steirer für viele Vereine gespielt und jede Menge erlebt - in Deutschland, in Dänemark und natürlich im ÖFB-Nationalteam.

Im 90minuten-Interview spricht der 31-Jährige über die Entwicklung des Fußballs, respektvolle Kabinen, Gedächtnislücken und den besten Job der Welt.

90minuten: Du bist seit über 15 Jahren im Erwachsenen-Fußball unterwegs. Was war die krasseste Veränderung im Fußball in dieser Zeit?

Michael Gregoritsch: Das Sprinten. Vor 15 Jahren waren Gegenpressing und Angriffspressing gerade im Kommen. Früher wurde am Feld als Block gemeinsam nicht so viel gesprintet. Außerhalb des Rasens war es das ganze Drumherum. Früher sind wir eine halbe Stunde vor dem Training gekommen, kurz tapen und raus kicken. Mittlerweile ist 1:45 Stunden davor Treffpunkt, Frühstück, Behandlungen, Videoanalysen, Vor- und Nachbereitung des Trainings. Die Tage des Profis, der drei, vier Stunden beim Verein war, sind vorbei. Das ist gut, weil der Fußball dem Spitzensport der Olympischen Sportarten vom Zeitaufwand hinterherhinkt.

90minuten: Das eine bedingt ja das andere. Ohne diesen Aufwand wären die Leistungen auf dem Feld nicht möglich.

Gregoritsch: Genau. Und trotzdem glaube ich, dass die Breite noch mehr investieren könnte.

In einer Drittel-Pause könntest du einen Rück-Wechsel erlauben.

90minuten: Abgesehen von der Vor- und Nachbereitung der Trainings. Wurde früher öfter trainiert?

Gregoritsch: Es war Usus, zwei Mal am Tag auf den Platz zu gehen. Es gab noch 1000- und 2000-Meter-Läufe. Fußballspezifische Fitness gab es noch nicht so, mehr Grundlagenausdauer.

90minuten: Verändert hat sich auch, wie viele Statistiken erfasst werden.

Gregoritsch: Wahnsinn! Das ist sicher auch der Grund, warum sich das noch mehr verbessert hat. Jeder hat Zielwerte. Ich bin gespannt, wie sich der Fußball in den nächsten zehn Jahren verändert. Der Teamchef hat letztens gefragt: Warum spielt man nicht 3x 20 Minuten netto? Ich glaube, dann könntest du in einer Drittelpause auch einen Rück-Wechsel erlauben.

"Ich bin ein Swiftie!"
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"Ich bin ein Swiftie!"

90minuten: Für mich ist schwer vorstellbar, dass man es als Profi schafft, 45 Minuten lang durchgehend mit dem Kopf voll und ganz beim Spiel zu sein.

Gregoritsch: Das unterscheidet die außergewöhnlichen Spieler von den sehr guten Spielern, und die sehr guten von den guten. Es gibt sicher außergewöhnliche Spieler, die 45 Minuten voll da sind und öfter diese besonderen Momente kreieren. Die sehr guten kreieren sie teilweise und die guten haben mal einen Moment. Du hast nicht immer den hundertprozentigen Fokus.

90minuten: Ertappst du dich in einem Spiel selbst mal und denkst dir: Hey, wo war ich jetzt eigentlich mit meinen Gedanken?

Gregoritsch: Früher hatte ich das deutlich öfter. Durch das Training mit meiner Sportpsychologin ist es sehr in die Richtung gegangen, dass das aufgehört hat. Bruno Labbadia hat mir früher öfter gesagt: Wenn du diese Pausen im Spiel nicht hast, geht es höher. Leider habe ich das damals nicht ganz kapiert.

Es ist, als ob ich einen Schlag auf den Kopf bekommen hätte.

90minuten: Wo bist du dann mit deinem Kopf?

Gregoritsch: Mir ist während eines Spiels schon alles eingefallen. Beim entscheidenden Quali-Spiel gegen Bosnien hatte ich keinen einzigen anderen Gedanken. Lustigerweise kann ich mich danach an solche Spiele, in denen ich so extrem fokussiert war, nicht mehr erinnern. Es ist, als ob ich einen Schlag auf den Kopf bekommen hätte. Ich habe aus diesem Bosnien-Spiel nur eine Aktion bildlich vor mir: Als ich bei 0:1 ein Gurkerl gekriegt habe. Das Tor habe ich unzählige Male gesehen.

90minuten: Es gibt eine Studie, dass sich Fans von Taylor Swift an die Konzerte nicht erinnern können, weil das Gehirn von so intensiven emotionalen Erfahrungen dermaßen überwältigt ist, dass das zu Gedächtnislücken führt.

Gregoritsch: Ich kann das verstehen. Das macht ja auch Sinn. Ich bin ein Swiftie.

90minuten: Als du im Alter von 15 Jahren dein erstes Bundesliga-Tor erzielt hast, waren die Routiniers in Kapfenberg Milan Fukal und Marek Heinz. Gibt es solche Typen noch? Hat sich hierarchisch innerhalb einer Mannschaft seither etwas verändert?

Gregoritsch: Für mich war Dominique Taboga damals auch ein Routinier, und der war 27. Damals war es so, dass die Jungen die Drecksarbeit gemacht haben: Kisten tragen, Bälle aufpumpen, all diese Kleinigkeiten. Ich musste aber nie von einer Massagebank, weil ein Älterer gekommen ist. Aber natürlich habe ich ein bisschen warten müssen. Das ist heute auch noch so. Gott sei Dank und zurecht wird aber heute auf jüngere Spieler noch mehr geachtet.

72 Mal ist Gregoritsch im ÖFB-Trikot aufgelaufen
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72 Mal ist Gregoritsch im ÖFB-Trikot aufgelaufen

90minuten: Du bist inzwischen 31 Jahre alt. Denkst du dir manchmal: Jetzt bin ich für andere das, was die Fukals damals für mich waren?

Gregoritsch: Manchmal ertappe ich mich bei der Erinnerung daran, dass 30-Jährige für mich gefühlt Steinzeitmenschen waren, als ich 21 Jahre alt war. In Gesprächen mit jungen Spielern will ich immer darauf verzichten, zu sagen: "Als ich so jung war wie du. Früher…" Ich glaube, das gelingt mir ganz gut.

90minuten: Weißt du, wie viele Tore du seit deinem ersten Tor in Kapfenberg erzielt hast? Inklusive der Spiele für die KSV Amateure danach und diversen Nationalteams.

Gregoritsch: Über 100.

90minuten: Es waren über 150! Fühlt sich jedes Tor gleich gut an?

Gregoritsch: Nein.

90minuten: Gibt es Tore, die sich überhaupt nicht gut anfühlen?

Gregoritsch: Nein. Es ist immer befriedigend. Es ist das beste Gefühl, das man haben kann. Auch Tore im Training tun richtig gut. Es ist arg, wieviel ein Tor am Wochenende für die Trainingsleistung unter der Woche verändert. Dinge gehen leichter, es kommt dir alles mehr wie in Zeitlupe vor, irgendwas passiert da.

Wenn du in eine Kabine gehst und nicht allen die Hand gibst, kannst du dir sicher sein, dass dich jemand komisch anschaut.

90minuten: Wie oft hast du keinen Spaß am Fußball?

Gregoritsch: Beim Hinfahren zum Training hin und wieder, in der Urlaubsvorbereitung auch manchmal. Wenn ich am Platz bin und einen Ball dabei habe, ist es immer Spaß. Klar, ein 11-gegen-11 taktisch durchgehen, ist nicht immer lustig.

90minuten: Fühlt es ich dennoch wie ein Job an?

Gregoritsch: Ich identifiziere mich als Fußballer, aber nicht nur. Ich versuche, diese Fußballer-Schubladen aufzubrechen. Ich glaube, dass jede Kabine extremst respektvoll ist. Wenn du in eine Kabine gehst und nicht allen die Hand gibst, kannst du dir sicher sein, dass dich jemand komisch anschaut. Bitte, Danke – das ist Usus. Und es gibt keine Unterscheidung, ob es ein 17-Jähriger oder ein 25-Jähriger ist, ob es ein Österreicher, ein Deutscher oder ein Franzose ist. Wenn der die gleichen Farben trägt, ist das in dem Moment mein Bruder. Aber ich habe nie in einem Büro gearbeitet, ich kann die Teamchemie dort nicht beurteilen. Ist es ein Job für mich? Ja. Aber es ist der beste Job der Welt.

90minuten: Was hat dich der Fußball gelehrt, was du sonst wahrscheinlich nie erfahren hättest?

Gregoritsch: Ob ich es nie erfahren hätte, weiß ich nicht, aber der Fußball hat mich gelehrt, dass sich harte Arbeit immer auszahlt, wenn du dranbleibst und an dich selbst glaubst. Natürlich hast du Phasen, in denen du Ängste hast, in denen du nicht trainieren und spielen möchtest. Ich habe zum Glück nie vor Spielen erbrochen – oja, vor meinem ersten Bundesliga-Spiel kurz. Aber wenn du deine Ängste und negativen Gedanken mit Freude überwinden kannst, hast du sehr, sehr viele Möglichkeiten.

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