Was war das für ein Sommer, der hinter Alexander Schlager liegt.
Die WM als Österreichs bärenstarke Nummer eins absolviert, den Wechsel zu Werder Bremen unter Dach und Fach gebracht.
Im ausführlichen 90minuten-Interview spricht der 30-Jährige über seine persönlichen WM-Momente, den "Ösi-Klub" an der Weser und warum er trotz Nummer-zwei-Status am genau richtigen Ort ist.
90minuten: Moin, Alex!
Alexander Schlager: Servus!
90minuten: Okay, du bist sprachlich noch kein ganz echter "Fischkopp".
Schlager: (lacht) Kommt drauf an, mit wem ich spreche. Ich bin mittlerweile seit ein paar Wochen hier, da passt man sich in manchen Dingen schon an. Seit ich meine eigene Wohnung habe, lebt es sich noch etwas leichter ein. Ich fühle mich jedenfalls schon so, als wäre ich komplett angekommen.
90minuten: Hinter dir liegt ein Wahnsinns-Sommer. Konntest du schon komplett sacken lassen, was bei der WM in Nordamerika passiert ist?
Schlager: Oh ja! Ich bin nach dem Turnier zwar relativ schnell nach Bremen geflogen, hatte dann aber Urlaub und Zeit, darüber nachzudenken. Durch viele Gespräche mit Freunden oder Nationalteam-Kollegen wurde ich immer wieder "gezwungen", mich daran zu erinnern. Es ist auch im Nachhinein etwas unglaublich Besonderes, ein fantastisches Erlebnis, das mich für den Rest meines Lebens begleiten wird. Das spüre ich auch in meinem ganzen Umfeld.
90minuten: Kritiker waren sich nach dem Turnier einig, dass es im ÖFB-Team vor allem zwei Gewinner gab: Marcel Sabitzer und Alexander Schlager. Gehst du da mit?
Schlager: In Summe würde ich sagen, dass wir alle Gewinner sind, weil wir uns nach ganz langer Zeit wieder für eine WM qualifiziert haben. Die Erwartungshaltung war nicht ganz einfach für uns als Mannschaft. Jeder von uns war zum ersten Mal bei solch einem Turnier dabei. Ergebnistechnisch waren wir im Soll, von der Art und Weise, wie wir gespielt haben, hätte es vielleicht mehr sein können. Wobei ich mir am Ende des Tages nicht sicher bin, ob es am Resultat etwas geändert hätte. Dass es mir persönlich gelungen ist, mich in die Form zu bringen, um dort gut performen zu können, freut mich schon. Darauf bin ich auch stolz.
Diese Situation ist für mich gar nicht so präsent. Am Ende des Tages hat er trotzdem zwei Tore geschossen und wir haben verloren.
90minuten: Ihr seid am späteren Weltmeister Spanien gescheitert. Hilft das, oder ist das Makulatur?
Schlager: Ich persönlich war vor dem Spanien-Spiel so eingestellt, dass ich dachte: Okay, vielleicht geht da was. Du weißt, du triffst auf eine Top-Nation, die den Anspruch hat, die WM zu gewinnen. Trotzdem dachte ich, es ist ein K.o.-Spiel, da kann immer viel passieren. Ich wollte unbedingt in die nächste Runde. Deswegen war es mir erst möglich, unser Ausscheiden zu akzeptieren, als ich das Halbfinale der Spanier gegen Frankreich gesehen habe.
90minuten: Wie meinst du das?
Schlager: Den Franzosen ging es – mit all der Qualität, die sie haben – genau wie uns. Was ich da im Fernsehen gesehen habe, hat sich genauso angefühlt wie bei unserem Spiel am Platz. Dass du einfach keine Chance hast, gegen dieses perfekt funktionierende Team etwas auszurichten. Das ist nochmal ein anderes Niveau. Und dann fiel es mir tatsächlich leichter, auf unsere Niederlage zurückzublicken.
90minuten: Was war dein persönlicher WM-Moment: Der gehaltene Messi-Elfer? Das Kalajdzic-Tor? Oder etwas anderes?
Schlager: Schwere Frage. Wir waren eines der letzten Teams, die in die WM gestartet sind und haben viele Spiele gemeinsam im Hotel am Fernseher geschaut. Dann stieg die Vorfreude, ins Turnier einzusteigen, ins Unermessliche. Wenn du dann erstmals ins Stadion einläufst, die Hymne hörst – das war sehr besonders.
90minuten: Aber einen Elfmeter gegen Messi zu halten…
Schlager: Ja, aber diese Situation ist für mich gar nicht so präsent. Am Ende des Tages hat er trotzdem zwei Tore geschossen und wir haben verloren. Und klar, das Tor von Sasa war ein Moment, der jedem von uns für immer und ewig in Erinnerung bleiben wird. Von der Emotion her etwas komplett Eigenartiges, aber auch Besonderes. Das hat jeder so empfunden, denke ich.
90minuten: Werder-Sportchef Clemens Fritz hat erzählt, dass er während der WM intensiv mit deinem Management verhandelt hat. Wie sehr hast du das mitbekommen?
Schlager: Ich habe es natürlich mitbekommen, weil es um meine Zukunft ging. Aber ich habe bewusst dafür gesorgt, mich während der WM nicht in die Situation zu bringen, eine Entscheidung treffen zu müssen. Dafür war es mir zu wichtig, gut zu performen. Und so war es. Ich wurde sporadisch informiert, hab mich gelegentlich mit meinem Berater ausgetauscht. So wie es gelaufen ist, hat alles gut gepasst.
90minuten: Ab wann warst du in die Gespräche involviert?
Schlager: Wir sind an einem Donnerstag ausgeschieden, am Freitag waren wir noch in den USA, am Samstag bin ich heimgeflogen. Sonntag war der erste Tag, an dem ich länger mit Werder gesprochen und mich im Detail mit den Dingen auseinandergesetzt habe. Das waren drei, vier intensive Tage. Danach war ich happy, dass alles relativ schnell gepasst hat.
90minuten: Mögliche Ratgeber gab es ja einige: Romano Schmid, Marco Friedl, aber auch Marko Arnautovic, Zlatko Junuzovic oder Marco Grüll. Wer hat dir am vehementesten zu Werder geraten?
Schlager: Am letzten Abend saßen wir mit dem Nationalteam in einer Runde zusammen, da waren viele der Spieler dabei, die du aufgezählt hast (Anm.: die ersten drei). Da habe ich das Thema in die Runde geworfen und nach deren Meinung gefragt. Da haben mich "Friedi" und Romano schon gut informiert, deswegen waren die beiden die Hauptfiguren, die zum Wechsel beigetragen haben. Auch das Wort von Marko (Anm.: Arnautovic) hat mir viel bedeutet. Er meinte, dass Bremen ein fantastischer Verein ist. Und schlussendlich habe ich auch mit Teamchef Ralf Rangnick gesprochen, weil mir auch seine Meinung wichtig war. Wobei letztlich alle das widergespiegelt haben, was ohnehin mein Eindruck nach den Gesprächen mit den Verantwortlichen war.
90minuten: Nämlich?
Schlager: Dass der Wechsel zu Werder für mich und meine Familie der perfekte Schritt ist. Mir war klar, dass ich in ein super Umfeld komme.
Am Ende des Tages weiß ich auch, dass es von Red Bull Salzburg so gewünscht war.
90minuten: Du hattest noch drei Jahre Vertrag in Salzburg, hast dort, was ungewöhnlich ist, keinen Titel gewonnen. War dir trotzdem klar, dass für dich jetzt der nächste Schritt kommen muss?
Schlager: Ich würde mich als einen Spieler einschätzen, der sich viele Gedanken macht, wenn es um die sportliche Entwicklung geht. Nach der WM hatte ich das Gefühl, dass es notwendig war, sich nach außen zu orientieren, nochmal was anderes zu machen, neuen Input zu kriegen, einen Umfeldwechsel herbeizuführen. So bin ich als Typ, ich habe es gern, neue Reize zu bekommen, eine andere Art und Weise des Trainings kennenzulernen, neue Leute um mich herum zu haben. Und am Ende des Tages weiß ich auch, dass es von Red Bull Salzburg so gewünscht war.
90minuten: Was heißt das konkret?
Schlager: Ich habe gespürt, dass sie sich auf der Tormann-Position verjüngen wollen, das ist ja auch ihr gutes Recht. Ich habe in meinen drei Jahren dort alles Mögliche getan, um erfolgreich zu sein. Irgendwann kommt man zu dem Punkt, an dem man fragt: Wie geht es jetzt weiter? Ich konnte mich nur auf meine Leistung fokussieren und bin froh, dass es im Sommer so gut funktioniert hat. Deswegen bin ich sehr happy, dass es mir ermöglicht wurde, zu einem Verein wie Werder Bremen zu wechseln.
Aus dem Konkurrenzkampf wurde in der Öffentlichkeit viel mehr gemacht, als es in Wirklichkeit war.
90minuten: Werder hat offen kommuniziert, dass man mit dem estnischen Nationaltorwart Karl Hein als Nummer eins in die Saison gehen will und für dich die Rolle des Herausforderers vorgesehen ist. Hat dich das nicht abgeschreckt?
Schlager: Natürlich ist das etwas, worüber man im Vorfeld nachdenkt, klar. Trotzdem war es vom Gefühl her das Richtige. Ich bin der Meinung: Wenn man im richtigen Umfeld ist, passiert Entwicklung automatisch. Die Gespräche mit Trainer und Torwart-Trainer waren total positiv, ich habe die Aufgabe hier als richtig coole Challenge empfunden. Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft, das habe ich selbst schon kennengelernt. Ich will hier Gas geben und mithelfen, dass der Verein eine stabile Saison spielt. Außerdem wurde aus dem Konkurrenzkampf in der Öffentlichkeit viel mehr gemacht, als es in Wirklichkeit war.
90minuten: Wie ist denn die Situation? Du durftest im DFB-Pokal spielen, weil Hein angeschlagen war, in der Liga stand er dann im Tor.
Schlager: Solange der Karl seine Sache weiter so fantastisch macht, wird die Hierarchie so sein. Und trotzdem versuche ich, mich reinzuhauen. Wir alle profitieren davon, wenn die Harmonie, das Homogene in der Torwartgruppe gut ist. Dann wird jeder, unabhängig davon, wer spielt, besser. Das ist mein Zugang dazu.
90minuten: Das letzte Mal, dass du im Verein auf der Bank saßt, war dein erstes Jahr beim LASK, als Pavao Pervan die Nummer eins war. Musst du dich vom Mindset her jetzt neu definieren?
Schlager: Es ist schon etwas anderes, als wenn du weißt, dass du jede Woche spielst, das muss ich schon sagen. Ich finde das aber auch spannend. Weil ich mich trotzdem immer in die Situation bringen muss, dass ich im Fall der Fälle bereit bin und jederzeit spielen könnte. Dafür bin ich da. Deswegen mache ich alles genau so, wie wenn ich spielen würde. Aber es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, es wäre das Gleiche. Aber ich will auch an dieser Aufgabe wachsen.
90minuten: Nachdem dein Wechsel bekannt wurde, kam euch Romano Schmid abhanden, der zu Frosinone in die Serie A gewechselt ist. Warst du überrascht?
Schlager: (lacht) Klar habe ich ihm gesagt: Das kannst du nicht machen! Ich habe auch nicht damit gerechnet. Aber natürlich verstehe ich ihn auch. Romano ist ein Spieler, der auch immer versucht, das Maximum aus sich rauszuholen. Und dabei das Gefühl hatte, ähnlich wie bei mir, dass ihm ein Tapetenwechsel guttun würde. Ich drücke ihm die Daumen, die Serie A ist eine fantastische Liga.
90minuten: Der Bremer Saisonstart glich einer Achterbahnfahrt: Einer 1:4-Auswärtsklatsche in Freiburg folgte ein 3:1-Heimsieg gegen Leipzig. Was ist mit Werder in dieser Saison möglich?
Schlager: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir ein Team sein können, das positiv überrascht. Die Qualität dazu haben wir, das sehe ich jeden Tag. Aber wir sind gut beraten, demütig zu bleiben und die Schritte zu gehen, die nötig sind, um eine stabile Saison zu spielen. In Freiburg war nicht alles grottenschlecht, gegen Leipzig nicht alles perfekt. Wir wissen, dass es in dieser Liga ganz schnell in beide Richtungen gehen kann.
90minuten: Zwei Runden stehen noch aus, dann kommt es zur XXL-Pause, in der du deine Nationalteam-Kollegen erstmals nach der WM wiedertriffst. Wie groß ist die Vorfreude?
Schlager: Riesig! Das Nationalteam ist für mich immer etwas Besonderes, ich kenne viele Spieler ja schon ewig lange. Die Atmosphäre, die dort herrscht, ist wirklich speziell.
90minuten: Es geht in der Nations League gegen Irland, Israel und den Kosovo. Nehmt ihr die Favoritenrolle an?
Schlager: Das ist eine gefährliche Gruppe, weil jeder Gegner etwas mitbringt, mit dem er anderen wehtun kann. Deswegen müssen wir dort am Anschlag unterwegs sein. Aber genau das wird der Teamchef vom ersten Tag an von uns einfordern. Wenn wir unsere Stärken umsetzen und diese Mentalität einbringen, gehen wir in jedes Spiel, um es zu gewinnen.
Markus Geisler