Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Sagt man.
Wenn Fußball nicht gerade von Lionel Messi und seinesgleichen betrieben wird, hat er in der Regel aber wenig bis gar nichts mit Zauberei zu tun, sondern mit harter Arbeit.
Insofern gibt es eine gute Nachricht für Max Uhlig: Er hat in seinem neuen Job als Cheftrainer der Wiener Austria eine volle Trainingswoche zur Verfügung.
"Für uns ist Trainingszeit wichtig. Es gibt noch viele Themen, die wir angehen können und wollen", sagt der 33-Jährige.
Schon etwas bewegt
Und doch hat der Neo-Coach in seiner ersten Woche schon etwas bewegt. Trotz des Cup-Aus gegen Hartberg im Elferschießen, trotz der 0:2-Niederlage gegen Rapid im Derby.
"Das war ein guter Grundstein für das, was wir in den nächsten Wochen vorhaben", sagt Samuel Sahin-Radlinger nach dem Duell mit dem Erzrivalen.
Dieser Satz ist exemplarisch für die Aufbruchstimmung, die in Wien-Favoriten zu spüren ist.
Das könnte ob der ersten beiden Ergebnisse unter der Ägide des bisherigen Violets-Trainers ganz anders sein. Doch auch wenn Fußball am Ende ein Ergebnissport ist, zählt für das Gefühl dann eben doch auch das Wie.
Es ist erkennbar, dass die Violetten neue, andere Lösungen suchen und teilweise auch schon finden.
Ein neues System
Am offensichtlichsten ist die Systemumstellung. Die Austria spielt gegen den Ball mit einer Viererkette und einem Mann-gegen-Mann-Ansatz. Dabei rückt situativ einer der drei nominellen Innenverteidiger heraus, einer der Wingbacks schließt die Viererkette wiederum.
Ich fühle mich in diesem Ansatz bestätigt.
Manfred Fischer erklärt: "Wir schicken einen Spieler mehr nach vorne, deswegen sind wir im Gegenpressing besser, deswegen haben wir in Ballnähe sehr viele Spieler, die gleich Druck machen können. Dann schiebst du das Problem eher zu den Gegnern, anstatt einen langen Ball zu kassieren."
Mutiger Ansatz überrascht Hoff Thorup
Rapid-Coach Johannes Hoff Thorup gibt zu: "Die Überraschung war wahrscheinlich, dass sie vielleicht etwas intensiver und etwas stärker auf Mann-gegen-Mann-Duelle ausgerichtet waren als erwartet."
Angesichts der starken Einzelspieler des SCR an vorderster Front und der gegensätzlichen Form der beiden Teams ein, wenn nicht riskanter, dann zumindest mutiger Ansatz Uhligs.
Der FAK-Coach erklärt: "Uns war von vornherein klar, dass Rapid im Aufbau extrem ballsicher ist und dich richtig laufen lässt, wenn du mit einem Mann weniger vorne attackierst. Sonst bringen sie dich tief und bespielen dich da – genau diese Situation willst du nicht haben. Deswegen haben wir uns entschieden, es so mutig anzugehen. Ich fühle mich in diesem Ansatz bestätigt."
Aufsteiger Willi Vorsager
In diesem Zusammenhang steht auch die einzige echte personelle Änderung, die Uhlig vorgenommen hat. In beiden Spielen stand Willi Vorsager als Innenverteidiger in der Startelf.
Vor genau einem Jahr kollabierte der SV Stripfing, bei dem Vorsager unter Vertrag stand, im Winter schloss er sich dann den Young Violets an, nun nahm ihn Uhlig mit zur ersten Mannschaft.
Eine Frage der Fitness
"Er musste am Dienstag gegen Hartberg in der 115. Minute mit Krämpfen raus, ist heute über die volle Distanz gegangen. Da sieht man schon, dass er topfit ist. Das war einer der Hauptgründe, ihn von Anfang an dazuzunehmen. Wenn wir so offensiv spielen wollen, ist es wichtig, dass wir in der letzten Linie Spieler haben, die körperlich bei 100 Prozent sind. Das ist er absolut", erklärt der Coach.
Dass es der 29-Jährige mit 89 Bundesliga-Partien locker in die Top Ten der erfahrensten Austria-Kicker im Kader schafft, hat dann auch noch seinen Teil dazu beigetragen. "Er bringt schon einiges an Erfahrung mit, ist fußballerisch gut", so Uhlig.
Das Spiel mit dem Ball
Rapids Rhythmus früh zu stören, war aber nicht die einzige Herangehensweise, die die Austria im 351. Wiener Derby gewählt hat.
"Wir wollen selbst Ballbesitzphasen einstreuen, weil es nicht funktioniert, 90 Minuten lang den Ball zu jagen. Da waren wir auch zielstrebig zum Tor, das war nicht nur Ballhalten", erklärt der Neo-Trainer.
58 Prozent Ballbesitz hatte die Austria über das gesamte Derby hinweg, hinzu kamen mehr Ballkontakte im gegnerischen Strafraum und mehr Abschlüsse – acht von 16 waren aber Weitschüsse.
Die Baustelle vor dem gegnerischen Tor
Und das ist der Punkt, an dem auf Uhlig viel Arbeit wartet, worauf er auch den Fokus legen will.
"Uns hat im Abschluss die letzte Überzeugung gefehlt, wir müssen auch am Timing beim Durchlaufen, an der Boxbesetzung arbeiten. Für diese Abläufe war noch wenig Zeit", sagt er. Auch, aber nicht nur rund um den Strafraum waren Ansätze von Kurzpassspiel und spielerischen Lösungen klar sichtbar, wenngleich nicht erfolgreich.
In einer Sache ist sich der Trainer aber sicher: "Ich bin überzeugt, dass wir genug Offensivspieler haben, die Tore schießen können."
Es geht um die Überzeugung
Überzeugung ist im Fußball essenziell. Für Uhlig geht es in seinen ersten Tagen als Austria-Trainer vor allem darum, eine verunsicherte Mannschaft davon zu überzeugen, dass der Weg, den er gehen will, zum Erfolg führen wird.
Das ist ihm trotz (noch) ausbleibender Ergebnisse schon gelungen. Die erste halbe Stunde gegen Hartberg war zumindest erfrischend. Die Hälfte des Spiels gegen Rapid der nächste Schritt.
"Es ist wichtig, dass wir so früh schon so eine Leistung zeigen konnten, weil das Vertrauen steigt", sagt er.
Kapitän Fischer sagt nach den ersten Tagen unter dem neuen Coach: "Ein bisschen ein frischer Wind, ein bisschen andere Zugänge zum Fußball. Ich mache mir keine Sorgen, dass wir alle gemeinsam aus dieser Situation wieder rauskommen."
Harald Prantl