Jetzt ist es also wirklich Spanien, das Österreich den Weg ins WM-Achtelfinale verstellt.
Als Schreckgespenst geisterten die Iberer ja schon länger durch viele Köpfe. In einer Gruppe mit Kap Verde, Saudi-Arabien und Uruguay war der erste Platz schließlich nur Formsache, ein Duell mit dem ÖFB als Gruppen-Zweitem quasi vorprogrammiert. Soviel zur Theorie.
Als amtierender Europameister geht Spanien als klarer Favorit in das Spiel am Donnerstag (21 Uhr im LIVE-Ticker). Teamchef Ralf Rangnick dürfte das durchaus recht sein, es passt zur grundsätzlichen taktischen Anlage: Österreich braucht für direkten Umschaltfußball einen Gegner, der spielerische Lösungen gegen frühe Störaktionen sucht und dabei Risiken eingeht.
Was spricht im Sechzehntelfinale für das ÖFB-Team? Was macht die Spanier so gefährlich? 90minuten hat sich die drei Gruppenspiele des nächsten Gegners noch einmal genau angesehen und analysiert.
Heimvorteil in Kalifornien
Über die Bühne gehen wird die Partie im Los Angeles Stadium in Inglewood, einem Vorort der Metropole. Für beide Teams ist es eine Premiere im 2020 eröffneten Neubau. Atmosphärisch sollte Spanien die Überhand sicher sein, dafür hat Österreich logistische Vorteile.
Mit rund 130 Kilometern ist der Arbeitsweg deutlich kürzer, als zu den bisherigen drei WM-Spielen. Das ÖFB-Camp wurde bekanntlich in Santa Barbara aufgeschlagen. Nach einer Gruppenphase unter verhältnismäßig großen Strapazen kann sich die Mannschaft jetzt unter angenehmeren Bedingungen vorbereiten.
Umgekehrt sieht das spanische Bild aus: Man residiert in Tennessee, deutlich weiter östlich gelegen. Nach gleich zwei Auftritten im nahegelegenen Atlanta fand das letzte Gruppenspiel in Mexiko statt. Für das Duell mit Österreich muss Spanien jetzt 3.000 Kilometer zurücklegen. Die Flugdauer beträgt rund sechseinhalb Stunden.
ÖFB weiß, was kommt
Trainer Luis de la Fuente setzt auf einen festen Stamm von sieben Spielern, zu dem sich jetzt wohl auch Lamine Yamal gesellen wird. Auf den restlichen Positionen wurde bisher rotiert - teils freiwillig, teils aufgrund von Verletzungen.
Verschiedene Spielerkombinationen haben unterschiedlich gut funktioniert: Rechtsverteidiger Pedro Porro war über 90 Minuten gegen Saudi-Arabien in der Offensive deutlich aktiver als Marcos Llorente in den anderen beiden Spielen. Auch Yamal kam so besser zur Geltung.
Dani Olmo hinterließ im zentralen, offensiven Mittelfeld einen aktiveren Eindruck als Mikel Merino gegen Uruguay. Dadurch hatte Stürmer Mikel Oyarzabal bessere Arbeitsbedingungen.
Schon vor Beginn der Weltmeisterschaft hatte Spanien Verletzungssorgen: Yamal und Stürmer Nico Williams gingen angeschlagen ins Turnier. Williams zog sich im Spiel gegen Uruguay eine weitere kleine Verletzung zu, für Victor Munoz ist die WM vorbei. Auch Rodri ist nicht fit, wird die Weltmeisterschaft aber zu Ende spielen. De la Fuente kann nicht aus dem Vollen schöpfen, noch ist der Kader aber breit genug, um alles aufzufangen.
Welche Spanier sind aufgefallen?
Welche Spieler haben im bisherigen Turnierverlauf einen positiven oder negativen Eindruck hinterlassen?
Positiv
Pau Cubarsi: Der 19-jährige Innenverteidiger ist stark in den Spielaufbau eingebunden und macht seine Sache bislang gut. 294 Pässe hat er in der Gruppenphase gespielt, 98 Prozent sind angekommen. Mit 39 Pässen hat er gegnerische Linien überspielt, in dieser Kategorie gehört er zu den besten der WM. Vor allem lange Pässe auf Yamal hinter die Defensivkette sind eine gefährliche Waffe.
Pedri: Der Mittelfeldspieler sorgt hinter den Stürmern für Betrieb und deckt dabei die gesamte Spielfeldbreite ab. Anders als einige Teamkollegen ist er ständig bemüht, das Spiel schnell zu machen.
Negativ
Unai Simon: Vor allem im Spiel gegen Uruguay wurde der Schlussmann mehrfach getestet und hielt nur mit Ach und Krach stand. Im Spielaufbau war er unter Druck für Fehler gut, mit hohen Bällen hatte er wiederholt Probleme. David Raya (Arsenal) und Joan Garcia (Barcelona) bleiben trotzdem auf der Bank.
Rodri: Als Ballverteiler vor den Innenverteidigern hatte der einmalige Weltfußballer vor allem gegen Kap Verde seine Momente. Wirklich überzeugen konnte er bei der WM aber noch nicht. In der Rückwärtsbewegung fehlt Tempo, offensive Akzente waren rar gesät. Auch in mehrere Fehler ließ sich der Routinier zwingen.
Dazwischen
Lamine Yamal: Dem Teenager schlechte Leistungen zu unterstellen, wäre vermessen. Auf der rechten Seite ist er ein ständiger Gefahrenherd und zieht alleine deshalb mehrere Verteidiger auf sich. Wirklich viele zwingende Chancen konnte er allerdings noch nicht herausspielen, die mangelnde Spielpraxis ist ihm anzusehen. Das bislang einzige Tor gegen Saudi-Arabien erzielte er aus Minimaldistanz nach einem Stanglpass.
Was es zu beachten gilt
Dem ÖFB zugute kommt, dass die drei Gruppenspiele mögliche Schablonen dafür liefern können, wie Spanien zu stoppen ist - und dafür, wie man es nicht versuchen sollte.
Vor allem das Uruguay-Spiel war lehrreich. Die Ideen von Trainer Marcelo Bielsa unterscheiden sich nicht gravierend von jenen von Ralf Rangnick: Frühes Stören, schnelles Umschalten, vertikale Pässe. Schon im frühen Spielaufbau ließ Bielsa den Spaniern wenig Ruhe und wurde dafür mit Fehlern belohnt.
Mit Federico Valverde bekam Rodri einen Begleiter zur Seite gestellt und hatte dadurch kaum Chancen, das Spiel zu gestalten. Es war ein von beiden Mannschaften intensiv geführtes Duell mit hohem Aufwand. Mit Sicherheit geholfen hat die zu Beginn großzügige Linie des Schiedsrichters.
In der Offensive blieb Spanien durch diesen Ansatz auf wenige Druckphasen limitiert. Gesucht wurde im Ballbesitz vor allem Yamal, dem allerdings auch wenige Gefallen getan wurden.
Uruguay stand in der letzten Kette mit fünf oder sechs Spielern breit und bot auf den Außenbahnen wenig Platz. Eins-gegen-Eins-Situationen zwischen Yamal und einem Außenverteidiger wurden gemieden, meist stand mindestens ein zweiter Verteidiger zur Unterstützung bereit. Spaniens einziges Tor fiel nach einer blind geschlagenen Flanke, Keeper Fernando Muslera unterlief im Anschluss ein schwerer Patzer.
Gar kein Tor gelang Spanien im ersten Gruppenspiel gegen Kap Verde trotz mehrerer guter Gelegenheiten. Anders als Uruguay standen die Afrikaner in zwei engen Linien vor dem eigenen Tor, auf den Seiten blieb dadurch deutlich mehr Platz.
Mit etwas weniger Glück wäre dieser Ansatz schiefgegangen: Dem sehr offensiven Linksverteidiger Marc Cucurella konnte seinen Gegenspieler mehrmals überraschen und hinter die letzte Kette stechen. So ist die Verteidigung schnell auseinandergezogen, in der Mitte lauern mehrere einlaufende Spieler. Über Wasser halten konnte sich der Außenseiter mit viel Intensität und beeindruckender Disziplin. Spanien war allerdings auch noch nicht auf Betriebstemperatur.
Überzeugen konnte Österreichs nächster Gegner nur gegen Saudi-Arabien. Das 4:0 war eine Machtdemonstration, wurde aber von mehreren kapitalen Eigenfehlern begünstigt. Zwei Tore entstanden durch Unaufmerksamkeiten im Stellungsspiel, zwei weitere nach schwach verteidigten Eckbällen.
Klare Devisen für Österreich
Spanien hat während der WM 2026 bisher ein klares Muster eingehalten. Die Gefahr kommt über die Flügel und Räume zwischen Innen- und Außenverteidigern. Dann soll der Ball mittels scharfen Flanken ins Zentrum, wo es für den Gegner kaum noch etwas zu verteidigen gibt.
An einem guten Tag der Spanier wird es für Österreich enorm schwierig, ein Gegentor zu verhindern. Bis jetzt hatte der Europameister in diesem Turnier aber noch keinen richtig guten Tag. Selbst an einem schlechten ist man aber immer noch in der Lage, Geschenke anzunehmen und Fehler auszunutzen.
Das Tor zum 1:0 von Argentinien sollte dem ÖFB in dieser Hinsicht eine Lehre sein. Österreich darf seine Außenverteidiger nicht isoliert in Duelle schicken. Außerdem muss das Mittelfeld Laufwege in Schnittstellen erkennen und rechtzeitig aufnehmen.
Mit viel Einsatz gibt es auch gegen Spanien etwas zu holen. Selbst wenn es nicht reicht, hätte man sich dann auch nicht viel vorzuwerfen.
Daniel Sauer