Es ist gerade einmal elf Monate her, dass eine U19-Auswahl der Wiener Austria in der UEFA Youth League Maccabi Haifa empfängt.
Die Veilchen lassen ihre größten Talente der Jahrgänge 2006 bis 2009 auflaufen. Vasilije Markovic schafft es nicht in die Startelf, wird nach 65 Minuten eingewechselt.
"Vaso", wie sie ihn nennen, ist ein talentierter U18-Akademie-Kicker. Den Anschluss an die Young Violets hat er – im Gegensatz zu einigen Altersgenossen – noch nicht geschafft.
Illustre Runde
Kein Jahr später ist der 18-Jährige nicht nur Stammspieler bei den FAK-Profis, sondern auch ins A-Nationalteam einberufen.
Sollte er zum Nations-League-Auftakt gegen Israel unter Ralf Rangnick debütieren, wäre er mit einem Alter von 18 Jahren, vier Monaten und 13 Tagen nach David Alaba, Hans Buzek, Yusuf Demir, Valentino Lazaro, Marcel Sabitzer und Aleksandar Dragovic in der 2. Republik der siebtjüngste Österreicher, der das ÖFB-Trikot trägt.
"Wenn jemand sagt, der Weg war vor einem Jahr absehbar, wäre er ein Zauberer", sagt Austrias Technischer Direktor Robert Urbanek. "Er hatte ein überragendes Jahr", weiß Akademie-Leiter Manuel Takacs.
Stadler und die gebrochene Zehe
Es ist die Geschichte eines in dieser Rasanz fast beispiellosen Aufstiegs eines jungen Mannes, der seit früher Kindheit immer bereit war, ein wenig mehr zu tun als die anderen.
Im Herbst 2025 sitzt Hermann Stadler in einem Hotel in der Seestadt, seine U17-Auswahl bereitet sich gerade auf die WM in Katar vor. Der Nachwuchs-Teamchef hat sich bereiterklärt, über jeden Kaderspieler ein paar Worte zu sagen.
Als der Name Vasilije Markovic an der Reihe ist, grinst er übers ganze Gesicht. "Ein Mentalitätsmonster. Es gibt nicht mehr als 100 Prozent, aber die gibt er immer. Selbst wenn er eine gebrochene Zehe hat, will der unbedingt weiterspielen", sagt er.
Wengers Ritterschlag
Die darauffolgenden Wochen im Nahen Osten sind der Karriere-Boost des bis dahin weitestgehend unbekannten Markovic. Er wird U17-Vizeweltmeister, ist in jedem Spiel im Einsatz und einer der Namen, die danach jeder fußballinteressierte Österreicher kennt.
Trainer-Legende Arsene Wenger verpasst ihm dann auch noch den Ritterschlag. "Ich liebe Österreichs Nummer 10", sagt der Franzose. Und spätestens da steht sein Name auf jeder Scoutingliste Europas.
Es ist völlig klar, dass du da zeitweise ein bisschen den Kopf verlierst. Aber sobald die Entscheidung gefallen ist, war er sofort wieder zurück am richtigen Weg.
Danach geht alles sehr schnell. Am 5. Dezember feiert er sein Zweitliga-Debüt für die Young Violets, in der Woche darauf steht er erstmals in der Startelf. Die Austria intensiviert die Gespräche über einen Vertrag, die finale Unterschrift zu fixieren, lässt sich Neo-Sportvorstand Tomas Zorn Anfang des Jahres dann nicht nehmen.
Turbulente Wochen, viele Angebote
"Der Rummel um seine Person in den vergangenen Monaten war sicher nicht so einfach für ihn", sagt Takacs. Urbanek ergänzt: "Das ist eine schwierige Phase für den Spieler: Jeder Verein, jeder Berater ruft bei dir an, all diese Huldigungen, diese Aufmerksamkeit. Du musst aber den Fokus behalten."
Der Technische Direktor weiter: "Es ist völlig klar, dass du da zeitweise ein bisschen den Kopf verlierst. Aber sobald die Entscheidung gefallen ist, war er sofort wieder zurück am richtigen Weg. Das unterscheidet ihn von vielen anderen Spielern. Das kann man ihm gar nicht hoch genug anrechnen."
Bevor sich Markovic für einen Verbleib am Verteilerkreis entscheidet, kommt er durchaus ins Grübeln. Como, Basel und Lugano legen Angebote vor, der SK Sturm bemüht sich um ihn und vor allem Red Bull Salzburg will ihn unbedingt holen, bietet viel mehr Geld als die Violetten.
Doch den Verantwortlichen der Veilchen gelingt es, ihm und seiner Familie einen Weg aufzuzeigen, der überzeugend ist.
In Side sofort voll da
Dass er im Jänner mit den Profis ins Trainingslager reisen darf, ist ein gutes Argument für das Vertrauen in das Talent.
Und Markovic zahlt es sofort zurück. Trainer Stephan Helm ist schnell von den Qualitäten des damals 17-Jährigen überzeugt. "Ich habe vom Trainerstab das Feedback bekommen, dass er das herausragend gemacht hat", erinnert sich Zorn.
Urbanek war beim Camp in Side dabei. "Er war kein Fremdkörper. Du hast den reingestellt und er war vom ersten Training an da – körperlich und mental. Das war eindrucksvoll", sagt der Wiener.
Das Einzelkind lebt noch bei den Eltern
Beim Frühjahrsauftakt, der mit 2:0 in Salzburg gewonnen wird, läuft der Youngster erstmals für die Austria-Profis auf. Im Laufe des Frühjahrs ist er dann in fast jeder Partie im Einsatz, steht auch vier Mal in der Startelf. In der laufenden Saison erobert er – sofern sich das angesichts der Rotation zum Start behaupten lässt – einen Stammplatz.
Es sind Monate auf der Überholspur. Markovic zieht in der violetten Hierarchie im Eiltempo an Talenten wie Philipp Maybach, Florian Wustinger, Dominik Nisandzic und Filip Lukic vorbei.
Das Einzelkind, das nach wie vor unweit des Stadions am Laaerberg bei seinen Eltern lebt, ist zum Posterboy des FK Austria Wien geworden.
Und das im wahrsten Sinne des Wortes – im Spätsommer sind in der ganzen Hauptstadt über 500 Plakate mit dem Gesicht des Talents zu sehen. Gemeinsam mit Maybach hat Markovic einen Nachwuchsspieler auf den Schultern. "Junge Wiener", steht da.
Ein starkes Bild, zwei eben erst volljährig gewordene Kicker, tragen die Zukunft des Klubs. Es ist der neue Weg, den der Verein gehen will – ob der finanziellen Situation gehen muss.
Kein typischer Austrianer
Die Fans goutieren das, in der laufenden Saison wurde nur ein Name öfter auf Austria-Trikots gedruckt als jener Markovics – der von Klub-Legende Aleksandar Dragovic.
Und doch ist der Wiener, der zuletzt mit Ach und Krach einen Abschluss in der Handelsschule gemacht hat, alles andere als ein typischer Austrianer.
Als U9-Spieler wird die Austria auf ihn aufmerksam. Er spielt zu diesem Zeitpunkt für das "Team Wiener Linien", der Raxplatz ist keine drei Kilometer Luftlinie von der Generali-Arena entfernt, gemeinsam mit Hasan Deshishku und Tomy Baotic – alle drei landen früher oder später beim FAK.
Die Frage war immer: Nehmen wir den spielerischen, klassischen Sechser oder den Menschenfresser Markovic?
"Es war damals schon auffällig, dass er unbedingt will, alles zerreißen will", erinnert sich Urbanek. Als Markovic zum Klub stößt, ist er Stürmer, "aber er war kein Killer vor dem Tor".
Mario Nastl, aktuell Co-Trainer der U18, schiebt den Youngster dann noch vor dem Umstieg in die Akademie nach hinten, macht einen defensiven Mittelfeldspieler aus ihm.
Der Menschenfresser
Markovic wächst, strahlt in Zweikämpfen große Dominanz aus, und doch ist er eigentlich nicht das, was sich die Austria auf dieser Position vorstellt.
Urbanek, als Technischer Direktor für den Übergang vom Nachwuchs in den Profifußball verantwortlich, erinnert sich: "Die Diskussion war immer: Was machen wir mit dem, was er kann? Wir wollen im Nachwuchs eigentlich ein bisschen anders spielen, aber jeder hat gesehen, dass das, was er hat, einmalig ist. Die Frage war immer: Nehmen wir den spielerischen, klassischen Sechser oder den Menschenfresser Markovic?"
Doch Markovic, dessen Eltern aus Belgrad kommen, setzt sich durch. Weil er schon sehr früh die Fähigkeit besitzt, zu reflektieren, was seine Konkurrenten besser machen, und den Willen, diese Defizite auszumerzen.
Individuelles Zusatztraining hilft ihm dabei. Noch heute ist er enttäuscht, wenn es einen zusätzlichen freien Tag gibt. Markovic geht drüber, wie man in Wien sagt. Immer wieder plagen ihn am Ende eines Spiels Krämpfe, um eine Auswechslung zu bitten, ist aber nicht seine Art.
"Er hatte immer den Fokus. Er wusste, was er auf dem Weg zum Profi zu tun hat. Er hat immer auf seinen Schlaf geschaut, auf seine Ernährung geachtet", sagt Urbanek.
Zorn hat die Hand drauf
Anfang September unterschreibt Markovic wieder einen neuen Vertrag, verlängert bis Sommer 2029.
"Wir haben das bewusst getan, um die Hand drauf zu haben, und entscheiden zu können, was nächsten Sommer passiert", sagt Sportchef Zorn.
Im Vertrag ist eine Ausstiegsklausel verankert, sollte sie gezogen werden, würde Markovic mit Abstand zum violetten Rekordtransfer.
Es deutet viel darauf hin, dass der Youngster im Sommer 2027 den nächsten Schritt macht, Wien-Favoriten verlässt.
Er bringt sehr viel Energie auf den Platz, jagt jeden Ball, ist immer präsent.
Zorn sagt: "Wenn Angebote in einer Höhe kommen, die für uns nicht zu ignorieren sind, schließe ich nichts aus. Aber natürlich würde ich ihn gerne noch ein, zwei Jahre bei uns behalten, bevor wir ihn verkaufen. Das entscheiden letztendlich aber der Markt und der Spielerwille."
Kein Manager
Den neuen Vertrag hat die Familie Markovic ohne Manager verhandelt. Es wirkt alles sehr bodenständig – "Vaso" ist sehr gläubig, geht regelmäßig in die serbisch-orthodoxe Kirche, lebt noch daheim. Wichtiger, als ein guter Fußballer zu sein, sei es, ein guter Mensch zu sein, trichtert ihm die Mama stets ein.
So richtig laut ist Markovic - Vorbild Zinedine Zidane - aber auf dem Platz. Es fällt auf, wenn er am Rasen steht. "Er bringt sehr viel Energie auf den Platz, jagt jeden Ball, ist immer präsent. Seine physischen Daten sind brutal", sagt Zorn.
Ein Rangnick-Spieler
Der Sportvorstand weiter: "Wenn er einen Ball anläuft, der dann weggespielt wird, schaltet er innerhalb von Millisekunden um, switcht zum nächsten Mann. Das ist ein fließender Übergang. Das macht er herausragend."
Es ist genau das, was Teamchef Ralf Rangnick so beeindruckt. Der Austrianer ist geschaffen für den Fußball, den das ÖFB-Team spielen will – Heavy Metal.
"Er ist ein brutaler Ballgewinner, davon gibt es in Österreich nicht so viele, schon gar nicht in dem Alter", weiß Urbanek. Bei der Austria sehen sie ihn als "box-to-box-Spieler", der auf der Sechs einen Nebenmann braucht, der die Position hält, oder eben als Achter spielen kann.
Was noch besser werden muss
Und doch hat der Youngster noch einiges zu tun. "Wenn er die Spielfortsetzung nach dem Ballgewinn richtig löst, kann er noch wertvoller werden", sagt Akademieleiter Takacs.
Individualtrainer Alexander Grünwald arbeitet intensiv mit Markovic an den Anschlussaktionen nach Ballgewinn.
Doch es kann nicht immer so steil bergauf gehen wie im letzten Jahr. Zorn weiß: "Die Schritte, die er geht, sind sehr groß. Es gehört in dem Alter aber auch dazu, dass das wellenartig geht, nicht nur steil nach oben."
Harald Prantl