USV Neulengbach: Die Chance lebt, die Zeit drängt
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USV Neulengbach: Die Chance lebt, die Zeit drängt

Der erfolgreichste österreichische Frauen-Fußballverein kämpft derzeit ums Überleben. Maria Wolf, sportliche Leiterin in Neulengbach, gibt den Verein nicht auf. 90minuten kennt den aktuellen Stand:

Der Schock im heimischen Frauenfußball war groß, als es vor etwas mehr als einer Woche hieß: Der USV Neulengbach stellt einen Insolvenzantrag, womit das Frauenfußball-Projekt in seiner bisherigen Form als gescheitert gilt (hier nachlesen >>>).

Schließlich ist der Klub nicht nur einer aus der Frauen-Bundesliga, sondern mit zwölf Meistertiteln und zehn Cupsiegen über Jahre hinweg das erfolgreichste Frauenteam des Landes.

Zwar konnten die Resultate in der jüngeren Vergangenheit bereits nicht mehr mit der "goldenen Vergangenheit" mithalten, doch wie prekär die Lage tatsächlich ist, war so nicht unbedingt abzusehen.

90minuten beleuchtet die Historie des USV Neulengbach und hat sich außerdem bei Maria Wolf, der sportlichen Leiterin bei den Frauen, zum Status quo erkundigt.

Neulengbach als Aushängeschild des rot-weiß-roten Frauenfußballs

Von den frühen 00er-Jahren bis Mitte des vergangenen Jahrzehnts war der niederösterreichische Klub jedenfalls der erfolgreichste im heimischen Frauenfußball. Klubobmann Bruno Mangl, der bereits im Jahr 2017 verstorben ist, galt als eine der tragenden Figuren dieser Erfolgsgeschichte.

Von 2003 bis 2014 feierten die Niederösterreicherinnen zwölfmal in Folge den Meistertitel, von 2003 bis 2012 zudem zehnmal hintereinander den Triumph im Cup. 2013/14 stand man sogar sensationell im Viertelfinale der UEFA Women’s Champions League - eine Leistung, die bis heute kein anderer österreichischer Klub wiederholen konnte.

Rosana, brasilianische Nationalspielerin und von 2004 bis 2008 Kickerin in Neulengbach.
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Rosana, brasilianische Nationalspielerin und von 2004 bis 2008 Kickerin in Neulengbach.

Jahrelang wurde die Stammelf von fast ausnahmslos Nationalspielerinnen gestellt, die bekannteste davon außerhalb Österreichs ist die Brasilianerin Rosana, die bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen mit ihrem Heimatland die Silbermedaille gewann. Auch namhafte österreichische Spielerinnen wie Nina Burger oder Maria Gstöttner kickten über viele Jahre hinweg für den USV.

Der schleichende Abfall

Ab 2015 ging es bei dem einstigen Spitzenteam langsam bergab. St. Pölten – bis zu dieser Saison die Großmacht im österreichischen Frauenfußball – holte sich das Double, Neulengbach blieb ohne Erfolg.

Ohne internationale Bühne und Titel gestaltete sich die finanzielle Lage nun schwieriger. Zahlreiche Topspielerinnen verließen den Verein, die Mannschaft wurde jünger, auch auf der Führungsebene sowie dem Trainerposten gab es immer wieder Wechsel.

Die Situation in der Frauen-Bundesliga veränderte sich über die Jahre immer mehr. Heute ist Neulengbach der einzige Verein, der kein Bundesliga- oder Zweitliga-Team im Männerfußball hat.

Wie sieht also die aktuelle Lage aus?

"Mit uns hat man überhaupt nicht gesprochen"

Maria Wolf ist seit Sommer 2025 als Sportliche Leiterin im Frauenbereich des USV Neulengbach tätig. Sie möchte sich nicht kampflos geschlagen geben und kämpft um den Verbleib des Vereins. Inmitten einer intensiven und stressigen Phase hat sie sich die Zeit genommen, 90minuten einen Einblick in die gesamte Situation zu geben.

"Wir sind durch diese Pressemitteilung informiert worden. Mehr haben wir nicht zu Gesicht bekommen, mit uns hat man überhaupt nicht gesprochen."

Maria Wolf

Die Pressemitteilung, in der das Projekt Frauenfußball in Neulengbach als gescheitert bezeichnet wurde, war auch der Weg, wie Wolf und Co. von dem geplanten Vorgehen erfahren haben: "Wir sind durch diese Pressemitteilung informiert worden. Mehr haben wir nicht zu Gesicht bekommen, mit uns hat man überhaupt nicht gesprochen."

Besonders sauer aufgestoßen ist ihr, dass man die Frauenabteilung als gescheitert abgestempelt hatte, den Männer- und Nachwuchsbereich aber retten möchte. "Das ist eine Prinzipgeschichte für mich, weil Neulengbach nicht irgendwer ist. Sie sind durch den Frauenfußball groß geworden", schildert sie.

"Neulengbach hat, was den Frauenfußball in Österreich betrifft, viel Pionierarbeit geleistet. Es stört mich maßlos, dass man da einfach sagt 'Gut, danke, das war es', weil es einfach ist. Das geht für mich gar nicht."

Damit wollte man sich nicht zufriedengeben. Wolf kann eine erste positive Neuigkeit verkünden: Der geplante Insolvenzantrag wurde abgewendet, "mit diesem Antrag wäre alles Geschichte gewesen".

Es gibt einen Plan

Die 44-Jährige und ihr Team haben "einen sehr schwierigen Plan", eine kleine Chance, um Neulengbach zu retten. Sie verrät: "Wir sind schon seit längerem mit jemandem im Austausch, der den Verein übernehmen und auf gesunde Beine stellen will." Dieser "jemand" kümmere sich jetzt um diverse Angelegenheiten.

Bereits vor einigen Tagen veröffentlichte "Der Standard" einen Artikel, in dem Wolf über die derzeitige Lage im Wienerwald sprach. Damals fehlte noch die Vollmacht, die nur durch einen zeichnungsberechtigten Funktionär des Vereins erteilt werden kann, um weitere Schritte einzuleiten.

Will den Verein retten: Maria Wolf, Sportliche Leiterin bei den Frauen des USV Neulengbach
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Will den Verein retten: Maria Wolf, Sportliche Leiterin bei den Frauen des USV Neulengbach

Dieser Schritt zeigte Wirkung, die Vollmacht ist nun da. Dadurch konnte Wolf inzwischen mit den Spielerinnen, die in dieser Situation als Gläubigerinnen des Vereins gelten, über die rechtlichen Schritte sprechen.

Kampf um die Lizenz

Erst am Mittwoch trudelte der Lizenzentscheid ein: Wenig überraschend wurde Neulengbach die Lizenz verweigert.

Eine Sache sorgte jedoch für Verwunderung: "Es wurde gesagt, dass die Lizenz gar nicht eingereicht wurde. Sie wurde aber sehr wohl eingereicht, somit haben wir die Möglichkeit, sie noch zu bekommen."

Einige Unterlagen fehlten, man arbeite mit Hochdruck daran, diese nachzureichen. Dies soll in den nächsten acht Tagen passieren, mit Unterstützung eines Anwalts, der das Geschehen genauestens überwacht.

"Diese kleine Chance lebt. Es ist sehr schwierig, da viele mitspielen müssen und du aufpassen musst, damit da keine rechtlichen Probleme entstehen", so Wolf. Mit der eben erhaltenen Vollmacht habe man indessen einen Einblick in Schulden und Probleme, kann mit Gläubigern und Gläubigerinnen sprechen.

"Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan, um Neulengbach im Spiel zu halten. Alles andere hängt jetzt an den Entscheidungen der Beteiligten. Klar ist: Wenn auch nur eine Person nicht mitzieht, wird Neulengbach Geschichte sein."

Maria Wolf

Einen Plan B gebe es nicht, man sei aber von diesem Entwurf überzeugt. Die nächsten Tage werden zeigen, ob dieser Früchte trägt.

Vereinsstrukturen als zentrales Problem

Ein zentrales Problem aus Sicht der 44-Jährigen ist, dass die Vereinsstrukturen bislang nicht den Anforderungen eines Frauen-Bundesligisten entsprochen haben.

Ob es ein Nachteil ist, dass Neulengbach der einzige Verein in der höchsten Frauen-Spielklasse ist, der kein Profi-Team im Männerbereich hat? "In Wahrheit hast du damit ein Alleinstellungsmerkmal, und damit kannst du genauso Werbung machen. Dazu brauchst du Menschen, die das verstehen und wissen, wie man das nutzen kann. Das war bis dato einfach nicht der Fall."

Es gebe durchaus Interesse, den Verein zu unterstützen. Klappt der Plan und es gelingt eine Einigung mit allen Beteiligten, würde man die Schulden des Vereins freibekommen. In diesem Falle zeigt sich Wolf optimistisch: "Dann werden wir ziemlich sicher besser dastehen als je zuvor."

Wie geht es den Spielerinnen?

Nicht nur für alle Verantwortlichen, sondern freilich auch für die Spielerinnen selbst ist es eine belastende Situation, denn ihre Zukunft ist derzeit ungewiss.

In einer dreistündigen Besprechung wurden die Sportlerinnen nun über die aktuelle Lage informiert. Die Gefühlslage sei schwierig einzuschätzen, "jeder muss diese extrem schwierige Entscheidung für sich treffen." Man habe ihnen sachlich erklärt, welche Möglichkeiten es gibt. "Sie wissen auch, was zu tun ist, um eventuell weiterspielen zu können", meint Wolf.

"Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan, um Neulengbach im Spiel zu halten. Alles andere hängt jetzt an den Entscheidungen der Beteiligten. Klar ist: Wenn auch nur eine Person nicht mitzieht, wird Neulengbach Geschichte sein", verdeutlicht die Sportliche Leiterin.

Es bleibt also spannend, wie es in der Causa Neulengbach weitergeht. Die kleine Hoffnung auf ein Fortbestehen ist da, doch die Zeit drängt. Ob eines der prägendsten Kapitel im österreichischen Frauenfußball doch noch eine Fortsetzung bekommt, wird sich in den kommenden Tagen zeigen.

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