Wir schreiben August 1990. Alt-Bundeskanzler Bruno Kreisky wurde vor kurzem zu Grabe getragen, Deutschland verhandelt über seine Wiedervereinigung, im Nahen Osten braut sich ein bedrohlicher Konflikt zusammen.
Im Fußball dominiert Austria-Kicker Andi Ogris die Schlagzeilen und schleppt seinen Transfer zu Espanyol Barcelona am Ende noch knapp über die Ziellinie. Ein 37-jähriger Hans Krankl - eigentlich Rapid-Trainer - kokettiert mit einem erneuten Comeback.
Kaum ein Wort findet sich in den großen Tageszeitungen zu einem anderen historischen Ereignis. Wer sich über das erste offizielle Länderspiel einer Frauen-Nationalmannschaft im Fußball interessiert, muss mit Kurzmeldungen Vorlieb nehmen. "Richterswil: Länderspiel/Damen: Österreich - Schweiz 1:5" steht dort, mehr nicht.
Kurzausflug in die Schweiz
Ausgetragen wurde die Premiere am 25. August im Nachbarland. Wenige Tage zuvor hatte das Männer-Team im Wiener Prater-Stadion gegen die Schweiz eine 1:3-Pleite eingefahren. Sportlich war es also nicht die erfolgreichste Woche für den ÖFB. Teamchef Josef Hickersberger sollte die Frauen später in einem Telegramm ermuntern, es besser zu machen, als seine Auswahl.
Rund 1.200 interessierte Fans waren dafür rund um den Sportplatz Chalchbüel nahe Zürich versammelt. Angereist war das Team bescheiden mit dem Zug. Eine längere Vorbereitung unter Teamchef Peter Leitl gab es nicht, nur ein Trainingswochenende in Lindabrunn ging sich aus. Über die Einberufungen hatte er die Spielerinnen eine Woche vorab schriftlich informiert.
Dem Veranstaltungsposter ist zu entnehmen, dass der Matchball von drei Fallschirmspringern eingeflogen wurde. Als Ehrengast war der damalige FIFA-Generalsekretär Sepp Blatter geladen. Es gab ein Festzelt, in dem auch die Österreicherinnen nach dem Spiel zur Feier des Tages mit Bier anstoßen durften - so hört man hinter vorgehaltener Hand. Vor Anpfiff trat der örtliche Musikverein im Dorfstadion auf.
Sportlich chancenlos
Auf dem Platz war Österreich klar unterlegen, nur der routinierten Christine Zötsch gelang ein Ehrentreffer - der erste der Frauen-Teamhistorie. Heute liegt die Schweiz in der FIFA-Weltrangliste auf Rang 25, knapp hinter dem ÖFB.
Mit dem heutigen Frauen-Nationalteam sei das alles nicht mehr vergleichbar, sagt Alex Preiss. Sie begann die Partie als damals 20-Jährige im ÖFB-Tor, musste aber nach einer Knöchelverletzung früh ausgewechselt werden.
"Wir sind hinausgefahren, haben trainiert, das Spiel absolviert und sind wieder heimgefahren." Ausgestattet wurde das Team damals von 'Puma'. Preiss erinnert sich vor allem an die Schuhe, mit denen sie Probleme hatte.
Für 90minuten kramt sie dann noch einen Bericht aus der Sport-Zeitung hervor. Auch darin ist vom Schweigen vieler Medien zu lesen, von einem Platzwart im Prater, der den Frauen im Prater aus Protest immer das Flutlicht abdreht.
Zitiert wird auch Teamchef Leitl nach dem Spiel: "Im Sport gibt es keine Geschenke. Frauenfußball wurde bis jetzt in Österreich totgeschwiegen, und wir können nur hoffen, dass wir in eineinhalb Jahren das verlorene Terrain aufholen."
Andere Fußballlandschaft
Von der Einberufung sei sie durchaus überrascht gewesen, sagt Preiss. "Christa Zötsch war damals Führende in der Torschützenliste, da war es eher zu erwarten. Früher war das Nationalteam sehr Wien-lastig. Da war es schon eine Ehre, wenn man aus einem anderen Bundesland einberufen wurde."
Vor dem ersten offiziellen ÖFB-Spiel traten die besten Kickerinnen des Landes in Auswahlmannschaften gegen andere Länder an.
Österreichs erstes Nationalteam:
Spielerin | Verein |
|---|---|
Startelf | |
Alexandra Preiss | Leoben |
Christa Burger | Landhaus |
Manuela Binder | Landhaus |
Ilse Fazekas | Neunkirchen |
Eva Leitner | Landhaus |
Gertrude Stallinger | Kleinmünchen |
Sabine Greipl | SC Brunn |
Claudia Gagony | Ostbahn XI |
Christa Zötsch | Leoben |
Susanne Rafael | Landhaus |
Karin Fukerieder | SC Brunn |
Ersatz | |
Claudia Zehetbauer | Ostbahn XI |
Rosi Wimmer | Kleinmünchen |
Maria Riedmüller | Leoben |
Maria Kastner | Kleinmünchen |
Elisabeth Spinner | SC Brunn |
Große Schritte in 36 Jahren
Nachforschungen vermitteln den Eindruck von einem durchaus zufriedenstellenden Tag, der seinem Stellenwert nachträglich nicht mehr ganz gerecht wird. So ist es auch kein Wunder, dass die Team-Premiere nur wenigen noch gut in Erinnerung ist.
Auch Bilder gibt es außerhalb von privaten Fotoalben kaum. Erst 2010 wurde erstmals ein Frauen-Länderspiel live im TV übertragen.
Wenn der ÖFB am Freitag Slowenien in der WM-Qualifikation zum 250. offiziellen Länderspiel empfängt, sind die Fortschritte klar sichtbar. Stattfinden wird das Debüt von Teamchef Lars Söndergaard am neuen Wiener Sport-Club Platz, bei dessen Planung das Nationalteam explizit mitgedacht wurde. Zusätzlich zur TV-Übertragung werden mehrere tausend Fans erwartet.
Immerhin ist somit eine von Österreichs erster Kapitänin, Eva Leitner, geäußerte Hoffnung inzwischen Realität: "Vielleicht werden wir jetzt auch als Sportlerinnen ernst genommen."
Daniel Sauer