Flo Wustinger: Das violette Stehaufmännchen
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Flo Wustinger: Das violette Stehaufmännchen

Er ist wieder da! Schon wieder. Der Austrianer ist nach seinem 3. Kreuzbandriss zurückgekehrt. Und jetzt will er von Comebacks nichts mehr wissen.

Diesmal waren es 490 Tage des Wartens. Was im Tagesgeschäft Fußball wie eine Ewigkeit erscheint, ist in Florian Wustingers Zeitrechnung eigentlich eine deutliche Verbesserung. Beim letzten Mal waren es nämlich 829 Tage.

Eigentlich. Eigentlich gab es für die Austria-Spieler nach dem 1:1 im 349. Wiener Derby keinen Grund zur Freude. Und doch hatte der 22-Jährige jeden auch nur erdenklichen Grund, um mit einem ganz dicken Grinser in die Kabine zu marschieren.

Mehr als nur ein Wechsel

Eigentlich war es nur ein logischer Wechsel nach einer Stunde Spielzeit. Philipp Maybach hatte sich ein paar Minuten nur noch mit schmerzverzerrtem Gesicht und leicht angeschlagen über das Spielfeld geschleppt, also musste ein neuer Sechser rein.

Eigentlich war Wustinger von dem Zeitpunkt, an dem er den Rasen der Generali Arena betrat, nicht anzumerken, dass er so lange weg war. Schon wieder.

Die Leidensgeschichte des Wieners liest sich wie der Lebenslauf eines Talents, von dem man dann irgendwann sagt: Hätte ein Guter werden können, hatte halt leider nicht den Körper dazu.

Monatelang sein place to be - die Kraftkammer
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Monatelang sein place to be - die Kraftkammer

August 2022, kurz nach seinem 19. Geburtstag reißt er sich bei seinem zweiten Startelf-Einsatz nach nur 20 Minuten gegen Fenerbahce das vordere Kreuzband und den Außenmeniskus.

Nach elf Monaten ist er zurück, soll als Kooperationsspieler beim SV Stripfing Spielpraxis sammeln, erstes Testspiel, wieder ein Kreuzbandriss. Wieder ein Jahr Pause.

Wieder alles auf Null

Wieder Stripfing, wieder Vorbereitung, schwere Schulterverletzung im Training. Die Diagnose liest sich wie eine Prüfung für einen Medizin-Student: Schulterluxation mit Absprengung der Knorpellippe der Gelenkspfanne und Hill-Sachs-Delle sowie ein Riss am Ansatz der langen Bizepssehne. Wieder eine monatelange Pause.

Dann, endlich, im Spätherbst 2024 läuft er wieder für die Austria-Profis auf. Aber nur kurz. Im Wintertrainingslager reißt bei einem Zweikampf im Training wieder das Kreuzband. Diesmal ist es das andere Knie. Wieder alles auf Null. Wieder Reha.

Es gab Tage, an denen ich nicht mehr gewusst habe, ob das nochmal wird.

"Es gab Tage, an denen ich nicht mehr gewusst habe, ob das nochmal wird", sagt er nach seinem nächsten Comeback. Das ist kein Satz, den er so dahinsagt. Das ist ehrlich, das ist die Emotion nach dem Ende der nächsten Leidenszeit, die Stimme bricht.

Leidensgenosse El Sheiwi

Wustinger denkt an Ziad El Sheiwi, seinen Leidensgenossen. Er ist auch 22 Jahre alt, galt vor ein paar Jahren als größtes Linksverteidiger-Talent Österreichs, debütierte mit 17 Jahren in der Bundesliga.

Auch er hat sich drei Mal das Kreuzband gerissen, im Herbst 2022 stand er zuletzt bei einem Pflichtspiel am Rasen. Ob es auch bei ihm nochmal wird? Fraglich.

"Ich weiß nicht, ob ich hier stehen würde, wenn es ihn nicht gegeben hätte", sagt Wustinger, "ich hatte Tage, an denen ich einfach nicht wollte, aber der Ziad hat mich da rausgezogen."

Endlich wieder Action - Wustinger im Derby
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Endlich wieder Action - Wustinger im Derby

Und jetzt ist er wieder da. Der Mittelfeldspieler strahlt: "Unglaublich! Richtig geil! Wenn ich es mir aussuchen hätte können, dann genauso – ein Derby daheim. Nur eine Sache würde ich ändern, nämlich das Ergebnis."

Seine Erkenntnis: "Der Körper hält, der Schädel hält."

Helm ist sein Fan

In den vergangenen Wochen und Monaten wurde Wustinger oft vergessen, wenn es darum ging, wie die Austria im zentralen Mittelfeld planen könnte.

Vasilije Markovic ist der Shootingstar, Philipp Maybach ist dabei, sich als Startelf-Spieler zu etablieren, Dominik Nisandzic und Filip Lukic zeigen bei den Young Violets auf.

Doch Stephan Helm gilt als großer Fan Wustingers. Der Trainer sagt: "Er hat am Platz ein sehr abgebrühtes Auftreten – mit dem Ball ruhig, gegen den Ball sehr aggressiv. Ein sehr smarter, junger Mann."

Ich bringe ihn nicht, damit er sein Comeback feiern kann, sondern weil ich überzeugt bin, dass er die Mannschaft besser macht.

Stephan Helm

Die Prognose des Burgenländers: "Wenn er gesund bleibt, wird er ein überdurchschnittlicher Bundesliga-Spieler sein und eine sehr gute Rolle in dieser Mannschaft einnehmen."

Gewichtiger Nachsatz: "Ich bringe ihn nicht, damit er sein Comeback feiern kann, sondern weil ich überzeugt bin, dass er die Mannschaft besser macht."

Und dennoch darf aktuell nicht zu viel erwartet werden. Wustingers Alltag wird sich zunächst eher bei den Young Violets abspielen, Spielpraxis sammeln, langsam heranführen.

Ein Vertrag als Zeichen

Denn die Austria hat noch einiges mit ihm vor. Im Dezember 2025 verlängerte der Klub den Vertrag des mitten in der Reha befindlichen Spielers bis Sommer 2027 mit Option auf eine weitere Saison.

Manchmal bist du nämlich auch im beinharten Fußball-Business mehr als nur ein Kaderplatz, mehr als nur Spielermaterial, ein Mensch.

Wustinger bedeutete das damals die Welt, und tut es heute noch: "Das ist etwas ganz, ganz Besonderes. Ich bin dem Verein unglaublich dankbar. Ich schätze das wirklich extrem. Das ist nicht normal. Das ist ein Vertrauensbeweis bis zum geht nicht mehr."

"Ich kann's nicht mehr hören"

Und jetzt will er endlich wieder ein ganz normaler Fußballspieler sein. Unter der Woche Training am Platz, am Wochenende Matches in den Stadien. Alltag.

"Das war’s jetzt. Comeback kann ich nicht mehr hören. Ab jetzt geht’s nur noch bergauf", ist er sich sicher.

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