Ex-Rapidler Dursun bei Sensationsklub Thun: "Kann es gar nicht realisieren"
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Ex-Rapidler Dursun bei Sensationsklub Thun: "Kann es gar nicht realisieren"

Furkan Dursun steckt mitten im Schweizer Fußball-Wunder FC Thun. Der U21-Nationalspieler über seinen Abschied nach über zehn Jahren Rapid und den "Kulturschock" Schweiz.

Was sich nach wenigen Augenblicken erahnen ließ, spricht er nach 30 Minuten ganz offen und mit einem Lächeln im Gesicht aus.

"Eigentlich mag ich Interviews nicht. Aber für euch mach' ich eine Ausnahme (lacht)."

Teambesprechung und Mannschaftsabend hat Furkan Dursun zum Auftakt des U21-Nationalteam-Lehrgangs gerade hinter sich gebracht, den ÖFB-Trainingsanzug hat er immer noch an. Nun sitzt der 21-Jährige am Schreibtisch seines Hotelzimmers und stellt sich dem wohl unliebsamsten Teil seines Fußballerdaseins.

Dabei hat Furkan Dursun eigentlich jeden Grund, in Redelaune zu sein. Seit seinem Abschied vom SK Rapid und dem Wechsel zum FC Thun findet sich das Stürmer-Talent nämlich nicht nur in der Idylle des Berner Oberlandes, sondern in einem regelrechten Fußball-Märchen wieder.

Doch der Reihe nach.

Rapid-Abschied? "Musste nächsten Schritt setzen"

Rapid-Abschied? "Musste nächsten Schritt setzen"
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Grün-Weiß: Um viel mehr drehte sich Furkan Dursuns Leben seit seinem neunten Lebensjahr eigentlich nicht.

Im Jahr 2012 wechselte "Furki" in die Jugendabteilung des SK Rapid - dort sollte der Austro-Türke zum Vorzeigemodell einer jeden Nachwuchsabteilung avancieren. Die Akademie durchlief das Stürmer-Talent bis zur Amateurmannschaft, von der am Ende der Sprung zu den Profis gelang. In der U16 wurde Dursun mit Rapid Meister in der ÖFB Jugendliga, 2023/24 verhalf er Rapid II zum Aufstieg in die 2. Liga.

Sein Bundesliga-Debüt gab er im März 2024 gegen Austria Klagenfurt. 16 Einsätze sollten es letztendlich für die Kampfmannschaft der Hütteldorfer werden, ein Tor blieb ihm verwehrt. Eine Fußball-Laufbahn im Zeichen des SCR. Anfang Februar war es dann aber doch Zeit, flügge zu werden.

Nach einer halbjährigen Leihe zum SKN St. Pölten folgte im vergangenen Transfer-Winter ein fixer Wechsel zum FC Thun. 400.000 Euro Ablöse überwies der Schweizer Tabellenführer für Dursun nach Wien-Hütteldorf.

"Die Gespräche mit Thun waren einfach gut. Und mir war klar, dass ich den nächsten Schritt setzen muss", sagt Dursun gegenüber 90minuten.

Das erste große Wagnis in der jungen Karriere des Wieners.

Jedes Ende ist auch ein Anfang

Dursun in der Europa-League-Qualifikation gegen den SC Braga
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Dursun in der Europa-League-Qualifikation gegen den SC Braga

Eine Woche habe er zuvor Zeit gehabt, sich zu entscheiden.

"Natürlich war es schwer. Ich bin ein Familienmensch, war immer in Wien. Auch meine Teamkollegen vermisse ich immer noch."

Wenn Dursun über das Ende seiner Zeit in Grün-Weiß spricht, merkt man ihm doch ein bisschen Wehmut an.

"Am Anfang ist es bei den Profis gut gelaufen. Ich habe fast alle Spiele gespielt, auch in der Europa-League-Quali. Danach ist es blöd gelaufen. Ich habe mich nach dem Braga-Spiel leider verletzt, hatte eine Schambeinentzündung. Dann habe ich in der zweiten Mannschaft richtig gut performt und dachte, dass ich wieder hochkomme zu den Profis. Aber es hat leider nicht geklappt."

Wo eine Tür zugeht, öffnet sich bekanntlich meist eine andere. Um eine weitere Floskel nachzulegen: Im Leben geht es oft verdammt schnell.

Seit rund zwei Monaten ist Dursun mittendrin in der wohl größten Sensation der Schweizer Fußball-Geschichte.

Schweizer Meister? "Kann es zurzeit gar nicht realisieren"

Sechs Runden vor Saisonende hat der Neo-Klub des Wieners eine Hand am Meisterpokal. Als Aufsteiger, beheimatet in einer 40.000-Einwohner-Stadt und mit keinem einzigen großen Namen in den Reihen, steht Thun kurz davor, sich erstmals in der Vereinsgeschichte Erstliga-Meister nennen zu dürfen.

Wie fühlt es sich an, nach nicht einmal drei Monaten beim neuen Klub Geschichte zu schreiben? "Ich kann das zurzeit gar nicht realisieren. Ich bin kein Fan davon, vorauszuschauen. Ich schaue, dass wir von Spiel zu Spiel denken und der Rest wird schon kommen", sagt Dursun.

Dass man unter solchen Umständen noch ein bisschen mehr Freude am Sport hat, streitet der ÖFB-Legionär aber nicht ab. "Es macht aktuell richtig Spaß. Wir haben so eine geile Atmosphäre in der Mannschaft. Die Fans sind überragend, die pushen uns auch richtig. 10.000 sind fast immer da."


Geburtstagsgeschenk und jede Menge "Energie"

Selbst im Angesicht des ersten Titelgewinns seiner Profikarriere: Seine persönliche Sternstunde verbuchte Dursun bereits Mitte März beim 5:1-Kantersieg gegen die Grasshoppers Zürich.

Vor den Augen der extra neun Stunden angereisten Familie erzielte Dursun - an seinem Geburtstag - sein erstes Tor für den FC Thun. "Als ich in der Früh aufgestanden bin, wusste ich direkt, dass ich heute treffen werde. Vor der Familie und dieser Kulisse - das war ein unglaubliches Gefühl."

In seinem zweiten Spiel steuerte er gegen Winterthur seinen ersten Assist bei. Wenn auch stets als Joker: Seit seiner Ankunft in Thun kam der U21-Nationalspieler in jeder Partie zum Einsatz.

So reibungslos sich die Bilanz der ersten Wochen liest - völlig beschwerdefrei ging die Umstellung weder auf noch abseits des Platzes über die Bühne.

Seinem persönlichen Naturell entspricht die Philosophie des FC Thun nämlich nicht unbedingt. "Egal ob in der Kabine oder am Feld: Der Trainer fordert immer Energie. Vom ersten Tag an wusste ich direkt, dass das gegenseitige Pushen das Wichtigste ist. Ich bin eher ein ruhiger Spieler und musste mich erst daran gewöhnen. Die Mannschaft ist voller Mentalitätsmonster."

Auch die veränderten Trainingsbedingungen bereiteten Dursun durchaus Anfangsschwierigkeiten. "Wir trainieren immer auf Kunstrasen. Damit habe ich mir in den ersten Wochen schwergetan. Der Trainer hat mich ein paar Mal rausgenommen, damit ich auf dem Platz nicht direkt alles gebe. Aber man gewöhnt sich an alles."

Traumhafte Kulisse in Thun
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Traumhafte Kulisse in Thun

Wandern statt 1. Bezirk

Die größte Umstellung bedeutete für Dursun aber der Schritt von der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt Wien ins beschauliche Berner Oberland.

"Ich bin eher der Stadttyp, der gerne mal spazieren geht im 1. Bezirk. Es ist alles bisschen ruhiger in der Schweiz. Auch die Straßen sind ein bisschen kompliziert. Wenn man Auto fährt, kennt man sich manchmal nicht aus", schildert Dursun.

Dann wäre da noch die Sache mit dem "Schwiizerdütsch". "Die Leute sprechen das 'K' immer 'Kchrr' (lacht). Da merke ich es immer. Aber alle sprechen Hochdeutsch mit mir, allen voran der Trainer. Wenn ich was nicht verstehe, dann erklärt mir das direkt jemand."

Der malerischen Natur am Fuße des Thuner Sees kann der Austro-Türke indes einiges abgewinnen. "Wenn man in der Früh aufsteht, hat man einen super Blick auf die Berge. Es ist wirklich schön."

Was Dursun im Vergleich zur Heimat aber besonders auffällt, ist die Herzlichkeit vieler Menschen. "Thun ist eine kleine Stadt. Wenn man erkannt wird, kommen nur Glückwünsche. Das pusht einen schon. Die Menschen sind sehr fröhlich, sehr lieb."

Dursun im U21-Nationalteam beim jüngsten Duell mit Belarus
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Dursun im U21-Nationalteam beim jüngsten Duell mit Belarus

Glaube an Mission 33 und "Step-by-Step"

Was für Dursun bereits nächste Woche Realität werden könnte, ist theoretisch auch bei seinem Herzensverein möglich.

Wenn es nach ihm geht, kann es Rapid dem FC Thun heuer gleichtun und Meister werden. "Ich schaue eigentlich jedes Spiel. Jetzt geht es bergauf. Ich glaube schon, dass sie es heuer schaffen können."

Während Dursun der "Ex" den ganz großen Wurf zutraut, gibt er sich in Hinblick auf seine persönlichen Ziele nüchtern.

"Ich bin ein Spieler, der Step-by-Step schaut. Aktuell ist mein Ziel, dass ich mich im Team richtig gut etabliere. Ich will der Mannschaft helfen und Scorerpunkte sammeln."

Einen Traum gibt Dursun am Ende doch noch preis. "Ich will für die A-Nationalmannschaft auflaufen."


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