Treffen sich zwei Australier in der Steiermark, spielen Golf und reden über eine längere Weltmeisterschaftsdurststrecke als Österreich.
Was nach einem Witz klingt, ist die Zeit zwischen 1974 und 2006 – 32 Jahre lang musste Australien vor zwei Jahrzehnten auf den zweiten WM-Auftritt warten.
Die beiden Spieler sind tatsächlich Hartberg-Kicker Jed Drew und Jacob Italiano, der seine Schuhe für den GAK schnürt.
Im Gegensatz zum TSV-Kicker ist Italiano tatsächlich im australischen WM-Aufgebot dabei. Das macht den viermaligen A-Nationalspieler zum idealen Gesprächspartner, um Österreich die Nation mit den Kängurus näher zu bringen.
Italien, Australien, Deutschland, Österreich
Die Chancen seiner Nation, die Gruppe zu überstehen, sind laut ihm nicht schlecht – vom FIFA-Ranking her waren die USA neben Kanada das "einfachste" Team aus Topf 1, in Topf 3 hätten es Haaland und Co. oder Mo Salah und Co. werden können. Dafür erwischte man mit der Türkei den härtesten Brocken aus Topf 4.
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Dort wäre übrigens auch das Herkunftsland seiner Vorfahren gelandet, Italien. Der 24-Jährige selbst stammt aus Perth im Westen des Kontinents und findet das zwar schade, aber ist zu 100 Prozent Australier, wie er im 90minuten-Interview erklärt.
Er kennt bereits mehrere Seiten des Profifußballs: 2018 wechselte er von Perth Glory zu Mönchengladbach II, wurde direkt ein Jahr zurückverliehen und heuerte nach 104 Einsätzen für die zweite Mannschaft der Fohlen 2024 beim Grazer AK an.
Australiens WM-Teilnahmen:
Jahr | Teilnahme bis... | Anmerkung |
|---|---|---|
1974 | Vorrunde | Als Gruppenletzter ausgeschieden |
2006 | Achtelfinale | Australien schied durch einen in der fünften Minute der Nachspielzeit verwandelten Elfmeter gegen den späteren Weltmeister Italien aus - der bis dato späteste verhängte Elfmeter in einem WM-Spiel |
2010 | Vorrunde | Erstmalige Qualifikation als Teil des asiatischen Verbandes |
2014 | Vorrunde | - |
2018 | Vorrunde | - |
2022 | Achtelfinale | Ausgeschieden im Achtelfinale gegen Argentinien - wieder gegen den späteren Weltmeister |
Mit dem Fußballvirus wurde er früh infiziert. "Ich habe einen italienischen Hintergrund, deshalb gab es bei uns zu Hause nur Fußball. Aber als ich älter wurde, merkte ich in der Schule, dass meine Freunde eher Aussie Rules, Cricket oder Rugby spielten", blickt er zurück.
Fußball war damals nicht besonders groß. Das hat sich massiv geändert: "Heute ist es, glaube ich, die Nummer eins bei den Kindern, die den Sport aktiv ausüben. Große Namen wie Alessandro Del Piero oder heute Juan Mata haben der Liga enorm geholfen."
Der Verbandswechsel
Bereits 2006 konnte sich Australien nicht nur qualifizieren, sondern überstand auch die Vorrunde und scheiterte im Achtelfinale am späteren Weltmeister Italien. Der entscheidende Elfmeter in der fünften Minute der Nachspielzeit (verwandelt von Francesco Totti) war der späteste jemals in der regulären Spielzeit bei einem WM-Spiel verhängte Strafstoß.
Dann wechselte man den Verband. War man bis 2006 noch bei Ozeanien mit dabei, trat man für Südafrika 2010 erstmals in der Qualifikation gegen die Nationen Asiens an. "Ich kenne die Zeit vor dem Wechsel nach Asien nicht aus eigener Erfahrung, aber es war definitiv die richtige Entscheidung", denkt er.
Ich war im März beim Teamcamp, bei dem viele Spieler der 1974er-Mannschaft dabei waren. Es war toll, ihre Geschichten zu hören. Das Gespräch mit ihnen hat mir gezeigt, dass man eine WM-Teilnahme nicht als selbstverständlich ansehen darf.
Die Ozeanienmeisterschaften forderten die Nation mit 27 Mio. Einwohnern nicht ausreichend, als man irgendwann anfing, sich ernsthaft mit Fußball zu beschäftigen. Die sieben Turniere zwischen 1973 und 2004 gingen vier Mal nach Australien, drei Mal nach Neuseeland. Mit einem 31:0-Sieg 2001 gegen Amerikanisch-Samoa halten die Aussies den Weltrekord für den höchsten Länderspielsieg überhaupt.
In Asien duellieren sich die Socceroos mit Nationen wie Japan oder Südkorea – ein großer Unterschied, ist das Niveau dort doch "mittlerweile Weltklasse, und die Asian Cups sind extrem hart. Das hat uns wettbewerbstechnisch enorm gepusht".
Die Helden der Nation
Bis zu Italianos Debüt 2025 gegen Kanada passierte Folgendes: Australien qualifizierte sich nach 2006 für alle Endrunden. In Südafrika, Brasilien und Russland war jeweils in der Vorrunde Schluss. In Katar wiederholte sich die Geschichte von 2006: Man scheiterte im Achtelfinale gegen den späteren Weltmeister, diesmal Argentinien.
Mit Fußballsäulenheiligen kennt man sich in Australien genauso gut aus wie in Österreich. "Als wir uns 2006 gegen Uruguay im Elfmeterschießen qualifizierten, war ich erst fünf Jahre alt. Ich habe das Spiel damals nicht live gesehen, aber als Fußballer in Australien wächst man mit diesen Bildern auf", erinnert er sich an die erste Teilnahme 2006 nach 32 Jahren.
Tim Cahill, Rekordtorschütze und mit 226 Premier-League-Spielen ausgestattet, ist wohl mit Österreichs 98er-Helden vergleichbar. Was aber für uns die WM 1978 ist, fand für Australien vier Jahre früher statt. Sie waren die ersten, die die Quali für eine Weltmeisterschaft schafften.
"Ich war im März beim Teamcamp, bei dem viele Spieler der 1974er-Mannschaft dabei waren. Es war toll, ihre Geschichten zu hören. Damals wurde Fußball in Australien als Sport noch nicht wirklich ernst genommen", erzählt er und betont: "Das Gespräch mit ihnen hat mir gezeigt, dass man eine WM-Teilnahme nicht als selbstverständlich ansehen darf - es ist etwas sehr Wichtiges, das man sich hart erarbeiten muss."
Der Weg in die USA
Die Qualifikation ist eine schnell erklärte Geschichte. An der ersten K.-o.-Runde mit Nationen wie Jemen oder Nepal musste man nicht teilnehmen, die zweite Runde in einer Vierergruppe mit Palästina, dem Libanon und Bangladesch dominierte man mit sechs Siegen aus ebenso vielen Spielen. In der zweiten Runde musste man sich in einer Sechsergruppe nur Japan beugen, wobei man den Auftakt gegen Bahrain daheim verlor und in Indonesien und Japan remisierte.
Durch den zweiten Rang ersparten sich die Aussies die vierte Qualirunde. Die Gruppengegner sind schwer einzuschätzen. Da wäre einmal der stolze Gastgeber USA: "Gegen die USA in Amerika zu spielen, wird eine unglaubliche Erfahrung – ich hätte nichts dagegen, dort der Partyschreck zu sein."
Die Hitze in den USA wird uns nichts ausmachen, da fast alle in unserem Kader die A-League und die Bedingungen in Asien gewohnt sind.
"Paraguay wird körperlich extrem hart", führt er weiter aus. "Die sterben auf dem Platz für die drei Punkte." Die Türkei habe individuell wahrscheinlich die besten Spieler der Gruppe und "weltweit riesigen Support. Aber wir sind auch ein sehr unangenehmer Gegner. Warum sollten wir nicht etwas Besonderes schaffen?"
Gewohnte Umstände
Die Australier haben in den USA vielleicht den einen oder anderen Vorteil. Während die Spiele in Vancouver (gegen die Türkei, 14. Juni, 6 Uhr MESZ) und Seattle (USA, 19. Juni, 21:00 MESZ) stattfinden, geht es im letzten Spiel in Santa Clara im wohl heißen Kalifornien gegen Paraguay um alles.
Die langen Wege kosten einen Australier nur ein müdes Lächeln: "Wenn du bei Perth Glory spielst, fliegst du zu jedem Auswärtsspiel mindestens zwei bis drei Stunden, oft sogar vier oder fünf. Nach Neuseeland bist du insgesamt fast neun Stunden unterwegs. Diese Erfahrung hilft mir jetzt enorm."
"Die Hitze in den USA wird uns nichts ausmachen, da fast alle in unserem Kader die A-League und die Bedingungen in Asien gewohnt sind", lacht er. Vielleicht ein Vorteil gegenüber Kickern, die diese Bedingungen nicht kennen.
Der australische Fußball passt sich an die Bedingungen an. Pressing tritt in den Hintergrund, "weil man bei 35 Grad die Intensität nicht ewig hochhalten kann. Da musst du klug spielen."
Aussie-Kick
Das Spiel ist demzufolge sehr physisch und entwickelt sich seiner Ansicht nach technisch und taktisch stetig weiter. Schließlich setzt man auf Ballbesitz. Mit dem modernen Fußball ist das Land auf jeden Fall per du, kicken doch bekannte Kicker bei guten europäischen Klubs. Der linke Verteidiger Jordan Bos etwa bei Feyenoord, Keeper Mathew Ryan bei UD Levante, dazu kommen noch die St.-Pauli-Kicker Jackson Irvine und Connor Metcalfe.
Men to watch sind für ihn noch der 20-jährige Angreifer Mohamed Touré, der seit Winter bei Norwich spielt und in elf Einsätzen bislang neun Tore und drei Assists in der Championship verbuchte. In derselben Liga spielt der ehemalige Bayern-II-Mittelfeld-Kicker Nestory Irankunda bei Watford, der über einen tollen Schuss verfügt.
Vor allem die jüngeren sind nicht nur physisch stark, sondern auch fußballerisch: "Ich glaube, Australien ist ein Markt, der noch immer nicht genug respektiert wird. Wenn ich den australischen Fußball sehe, gibt es dort einige junge Spieler, die für europäische Vereine wahrscheinlich relativ günstig wären, obwohl sie sehr viel Qualität mitbringen."
System ermöglicht Entwicklung
Warum das so ist? Schwer zu sagen, aber vielleicht liegt es nebst internationalem Engagement und Geld auch am System. "In der A-League gibt es keinen Abstieg oder Aufstieg. Hier in Österreich habe ich die letzten zwei Jahre fast nur Spiele unter großem Druck bestritten", sagt er.
Ich traue den Österreichern bei der WM viel zu, weil sie eine Mentalität haben, die sie in K.o.-Spielen sehr schwer schlagbar macht.
In Australien kann man acht Spiele vor Schluss Tabellenletzter sein und es passiert nichts, das schafft Raum für Entwicklung ohne Druck. Darüber hinaus sind die Australier im Vergleich nach wie vor recht billig, kennen das europäische Fußball- und Wertesystem. Alles Punkte, die den Erfolg der Nation mitbegründen.
Ein weiterer Punkt ist Nationaltrainer Tony Popovic. Der 52-Jährige coacht das Team seit 2024, kickte selbst in Japan, England und Katar. Er war zudem Co-Trainer bei Crystal Palace, dann Cheftrainer unter anderem in der Türkei und Griechenland - wiewohl er den Großteil seiner Tätigkeit in Australien verbrachte.
Und Österreich?
Italianos Gedanken zu seinem Arbeitsort kann man sich auch gerne anhören. Er streicht etwa hervor, dass sich zwei Kicker für Österreich entschieden haben, die das nicht hätten tun müssen:
"Dass sich Spieler wie Carney Chukwuemeka oder Paul Wanner für Österreich entschieden haben, ist vielversprechend. Die Stimmung rund um das Nationalteam wirkt gut, die Ergebnisse stimmen. Ich traue den Österreichern bei der WM viel zu, weil sie eine Mentalität haben, die sie in K.o.-Spielen sehr schwer schlagbar macht."
Und was macht nun der Australier in der Steiermark, wenn er nicht gerade mit Jed Drew Golf spielt? Er geht Gassi. Aus gutem Grund: "Nach einem schlechten Spiel liebt dich dein Hund trotzdem genauso. Das ist wahrscheinlich das beste Mittel gegen Stress."
Georg Sohler