Wieso Marcel Koller mit der Defensivleistung nicht zufrieden war
Während das österreichische Nationalteam im Spiel mit dem Ball von Spiel zu Spiel besser wird, gibt es im Spiel gegen den Ball viel Luft nach oben, was auch im Match gegen Albanien zum Problem wurde. Eine Takitk-Analyse von Momo Akhondi.
Österreich startete mit einem 2:1 Sieg über EM-Teilnehmer Albanien in das Länderspieljahr 2016. Für den Teamchef sind die Freundschaftsspiele gegen Albanien und die Türkei eine Möglichkeit, die taktischen Grundprinzipien unserer Nationalmannschaft zu verfestigen, gegebenenfalls neue Varianten einzustudieren und weitere Spieler für den Kader auszuprobieren. All dies schien nach dem Heimsieg über die Albaner geglückt zu sein; und doch war Marcel Koller auf der Pressekonferenz nach dem Spiel nicht ganz zufrieden mit dem Auftritt seiner Mannschaft: „Wir waren schon in der ersten Halbzeit undiszipliniert im Zustellen der Räume, waren defensiv nicht gut. Der Gegner konnte im ersten Durchgang aber auch nicht gefährlich werden.“
Welche Räume meinte der Teamchef?
Was meinte Koller damit? Der mediale Mainstream schießt sich vorwiegend auf die zweiten 45 Minuten ein. Welche Räume meint unser Teamchef also?
Zunächst einmal sei gesagt: im Vergleich zu den Zeiten vor Teamchef Koller, befindet sich das Nationalteam in ganz anderen Sphären. Obwohl unter Constantini die Startelf nicht ganz unähnlich war, hat sich die Nationalmannschaft nicht unverdient in die Top 10 der Welt gespielt und kann inzwischen auch einen EM-Teilnehmer wie Albanien über die vollen 90 Minuten dominieren. Doch es gibt immer wieder Raum für Kritik. Diese befindet sich zwar auf sehr hohem Niveau, wenn man diese mit der Kritik unter Teamchef Constantini vergleicht, doch es waren gegen die Albaner zwischenzeitlich durchaus taktische Mängel zu erkennen, welche in der Zukunft dafür sorgen können, dass ein Spiel zugunsten des Gegners kippt. Dies blieb auch dem Schweizer nicht verborgen.
Doch zunächst zum positiven Punkt aus dem ersten Testspiel 2016: das Spiel mit dem Ball. Der Spielaufbau wurde während Kollers Amtszeit sukzessive vorangetrieben und erreichte ihren Höhepunkt während der grandiosen EM-Qualifikation. Das war jedoch kein Grund für den Teamchef, sich auf etwaigen Lorbeeren auszuruhen. Im Gegenteil, der ÖFB hatte gegen Albanien sogar ein paar neue Pfeile im Köcher.
„Ja, wir haben die Formation ein wenig geändert und versucht David [Alaba] diese neue Rolle - weiter vorne - zu ermöglichen“, meinte Teamchef Marcel Koller nach dem Spiel gegen Albanien.< /div>< /div>
David Alaba rutscht beim ÖFB immer mehr in die Rolle, die er auch beim FC Bayern bekleidet. Dabei startet unser Top-Legionär, der nach der Auswechslung von Marc Janko sogar kurzzeitig die Kapitänsschleife tragen durfte, wie so oft in der ersten Aufbaulinie.
Bild 1 – Alaba kippt zunächst ab.
Sobald aber – mittels dieser lokalen Überzahl – die Stürmer des Gegners überspielt werden konnten, schiebt Alaba blitzschnell nach vorne und landet konstant im halbrechten Zwischenlinienraum.
Bild 2 – keine 20 Sekunden später findet man Alaba vorne.
Das war auch die Position, in der man Alaba das ganze Spiel über meistens antreffen konnte. Dadurch, dass er von hinten durchsprinten konnte, war es für die Albaner nicht mehr möglich, ihr Pressing auf den 23-Jährigen zu fokussieren. Dieses Mittel wurde nämlich von fast allen bisherigen Gegner des ÖFB benutzt, um Alaba aus dem Spiel zu nehmen. Verzichtete der Gegner auf ein ernstzunehmendes Pressing, schob Alaba gleich nach vorne und die Innenverteidiger Hinteregger und Dragovic konnten den Spielaufbau gemeinsam übernehmen. Dabei war die dynamische Besetzung des Raumes zwischen den Linien des Gegners durchaus beeindruckend.
Bild 3 – Dragovic bringt den Ball vor, Hinteregger sichert ab. Alaba ist halbrechts offensiv zu finden.
Auf Bild 3 kann man ebenfalls sehen, wie weit Klein und Fuchs vorschieben, um die Breite zu halten (schwarze Rechtecke). Das ermöglicht den Außenspielern wiederum das Einrücken in eine mittigere Position - Arnautovic ist am Bild sogar der zentralste Spieler zwischen den Linien.
Doch während Fuchs nicht immer so weit in die gegnerische Hälfte schob, war Klein quasi immer weit vorne zu finden. Das dürfte von Koller auch so einkalkuliert sein. Die Mängel von Florian Klein in der Spieleröffnung sind offenkundig, seine Einbindung in eben diesen würde dem Gegner nur einen Ankerpunkt im Pressing ermöglichen. Daher findet man ihn beim Spielaufbau praktisch nie in der eigenen Hälfte. Der Stuttgart-Legionär geht konsequent in die gegnerische Hälfte und wenn der Raum hinten dadurch brach liegt, reagieren andere Spieler und füllen die Lücke auf.
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Bild 4 – Klein am Bild nicht mehr zu sehen, Alaba und sogar Junuzovic übernehmen teilweise seinen Part im Spielaufbau.
Fuchs auf der Gegenseite hingegen, kann wohl schlichtweg das Laufpensum und die Intensität von Klein nicht mitgehen, außerdem ist das ausbalancieren von Arnautovics wilden Laufwegen durchaus schwieriger als beim orthodoxen Harnik auf der Gegenseite. Fuchs hinterläuft seinen Vordermann seltener, bleibt nicht selten viel tiefer als Klein auf der Gegenseite und schiebt wenn dann nur gemächlich nach vorne, was wiederum Arnautovic ermöglicht, in die Mitte zu rutschen und spektakuläre Szenen zwischen den Linien des Gegners zu kreieren. Fuchs tiefe Grundposition zwingt Arnautovic wiederum auf den Flügel raus, von dort kann der England-Legionär jedoch immer wieder seine diagonalen Schnittstellenpässe spielen, welche sich langsam zu seinem Markenzeichen entwickeln.
Bild 5 – so viel Raum ist zwischen den Linien nicht vorhanden. Arnautovic findet ihn trotzdem.
Doch Fuchs tiefe Positionierung im Aufbau hat noch weitere Vorteile. Im Spielaufbau ist der Kapitän nicht nur klar stärker als sein Pendant auf der rechten Seite, sondern ermöglicht seinem Nebenmann Hinteregger auch eine zentralere Rolle.
Bild 6 – Fuchs tiefer als Klein, Hinteregger rutscht in die Mitte.
Die große Stärke des Neo-Gladbachers ist – neben seinen sehr gut getimten Rausrückbewegungen – der Spielaufbau. Aus der zentralen Rolle heraus, kann er seine scharfen Flachpässe besser einstreuen als auf den Halbpositionen wie auf Bild 1; dort sind seine Pässe durchaus vorhersehbarer und landen meist im Halbraum, der sich genau vor ihm befindet. Leider kam gegen Albanien eine Aufbaustaffelung wie auf Bild 6 nicht oft genug vor und birgt damit durchaus Verbesserungspotenzial für Teamchef Koller.
Dass die Asymmetrische Positionierung der Außenverteidiger so gewollt war, ist Marcel Koller definitiv zuzutrauen und zeigt, inwieweit der Schweizer die Rollen seiner Spieler, ihren jeweiligen Stärken und Schwächen anpasst. Das ÖFB-Team konnte somit einen ansehnlichen Spielaufbau vorantreiben, dabei hatten die Albaner durchaus mannschaftstaktische Besonderheiten, welche dem rot-weiß-roten Kollektiv eine ihrer Stärken zu berauben schien.
Unter Koller lockt das Nationalteam den Gegner zunächst gerne auf eine Seite, um dann auf der Gegenseite den Angriff zu starten.
(Bild aus der Analyse des Spiels gegen Moldawien im Jahr 2015)
Gegen die Albaner war das fast nie möglich; aus dem einfachen Grund, dass der ballferne Flügelspieler des Gegners praktisch nicht mitverschob.
Bild 7 – Albanien schiebt auf Österreichs linke Seite, ballferner Flügelspieler (schwarzer Kreis) ist aber unbeeindruckt und bleibt stehen.
Diese Lethargie im Verschieben war jedoch keineswegs gut, sondern ermöglichte es den Österreichern mit einfachen Querpässen, die Linien des Gegners zu überspielen. Dabei kam es oft vor, dass der ballferne Flügel sich – statt zum Ball zu verschieben – einfach nach hinten in die Abwehr fallen ließ und eine situative Fünferkette bildete. Das lag vorrangig daran, dass er seinem Gegenspieler folgen wollte. Dies öffnete aber Raum für Österreich.
Bild 8 – Einfacher Querpass reicht für viel Raumgewinn, der ballferne Spieler lässt sich in die Abwehr fallen und bildet eine Fünferkette.
Das bringt uns jedoch zu Kollers Unzufriedenheit nach dem Spiel zurück. So gut das Spiel der Österreicher mit Ball war, das Spiel ohne Ball hatte einige Mängel und sorgte nicht zuletzt dafür, dass man in der zweiten Hälfte nach und nach die Kontrolle abgeben musste.
Normalerweise agiert Österreich gegen den Ball in einem 4-4-2, bei dem der nominelle „Zehner“ Junuzovic nach vorne schiebt, um an der Seite von Marc Janko den Gegner unter Druck zu setzen. Dahinter schiebt dann zumeist David Alaba mannorientert heraus, um hinter den Beiden den Ball zu erobern.
Bild 9 – Janko und Junuzovic lenken attackieren den Gegner, dahinter kippt Alaba heraus.
Im Pressingplan von Marcel Koller muss spätestens jetzt ein Flügelspieler in die Mitte rücken und den einzig verbleibenden Sechser – in diesem Fall Baumgartlinger – unterstützen. Das ist ein fragiler Plan, mit der richtigen Intensität jedoch durchaus durchführbar, wenngleich das Team schon mehrmals Probleme damit hatte, die notwendige Intensität über 90 Minuten aufrecht zu erhalten. Gegen Albanien wurden – wie vom Teamchef auf der Pressekonferenz erwähnt – jedoch die „Räume nicht gut zugestellt“. Das stellte die Österreicher immer wieder vor Probleme.
Bild 10 – Szene gleich nach Bild 9. Baumgartlinger muss vieeel Raum alleine abdecken, Arnautovic ist weit weg.
Das Problem entstand fast zwangsläufig, weil die Flügelspieler selber sehr wichtig im Pressing sind und dafür sorgen, dass der Gegner erst richtig unter Druck gerät. Parallel dazu ist das Einrücken neben einem einzigen Sechser ein Spagat, der nur schwer zu bewältigen ist. In tieferen Zonen hingegen war es für die Flügelspieler einfacher den Raum zuzustellen.
Bild 11 – Alaba rückt raus, Arnautovic rückt ein. Wichtig hierbei: auch Harnik ist nicht rausgerückt, das Pressing somit stabil.
Problematisch wurde es gegen Albanien vor allem dann, wenn zusätzlich zu Alaba auch noch Baumgartlinger aus dem Sechserraum herausrückte, um Druck auf den Ball auszuüben. Manchmal erkannte Junuzovic die Lücke und ließ sich fallen, meist wurde der Bremen-Legionär aber im Pressing gebraucht. Dadurch, dass die Verteidigung recht passiv blieb, öffnete man den Albanern dadurch viel Raum und vergrößerte den Zwischenlinienraum enorm.
Bild 12 – Alaba und Baumgartlinger rücken heraus, dahinter lange niemand. Albanien kann mit einem Befreiungsschlag des Tormanns (!) stabil nach vorne.
Wenn die Flügelspieler Harnik UND Arnautovic mal tief genug standen, konnten sie sogar hier noch den Raum abdecken und den Albanern den Zugriff verwehren, indem sie in die Mitte rückten.
Bild 13 – Baumgartlinger kann raus, (fast) ohne sich Sorgen zu müssen.
Über 90 Minuten was dies jedoch fast unmöglich, weil die Flügelspieler neben ihrer Aufgabe als Auffüller auch – wie zuvor bereits erwähnt – eine Schlüsselrolle im Pressing übernehmen mussten. Das ganze Konstrukt war dann, vor allem durch das wilde Rausrücken der zentralen Spieler, zumeist sehr instabil.
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Bild 14 – Österreich presst vogelwild und ohne Absicherung.
Ob es an der aufgeheizten Stimmung im Stadion lag oder an der EUROphorie, welche letzendlich dafür sorgte, dass Junuzovic, Alaba und Baumgartlinger derart übermotiviert ans Werk gingen ist nicht übermittelt, doch es war wohl der Hauptgrund, dass Österreich sukzessive die Kontrolle über das Spiel abgeben musste.
Dabei gab es in der ersten Halbzeit auch immer wieder Szenen, bei denen Österreich wieder versuchte, Struktur ins eigene Pressing zu bringen und die Gemüter wieder zu beruhigen.
Bild 15.1 – Alaba übernimmt Junuzovics Position im Pressing und geht zunächst auf Nummer sicher, dass dieser seine Position ebenfalls übernommen hat.
Bild 15.2 Junuzovic beschließt im Pressing mitzuhelfen, Arnautovic und Harnik (nicht am Bild) helfen Baumgartlinger.
An dieser Stelle sei erwähnt, dass das Herausrücken des gesamten Mittelfelds nicht zwangsläufig schlecht sein muss. Wenn es den Abwehrspielern dahinter gelingt den Raum zuzumachen, indem sie ebenso herausrücken, kann der Gegner aufgrund der dadurch entstandenen Intensität keinen Spielaufbau mehr vorantreiben und verliert zwangsläufig den Ball. Bei Österreich stand die Abwehr aber jedoch eher passiv und traute sich nicht so richtig nachzuschieben. In der zweiten Halbzeit verschlimmerte sich das Ganze, weil die immer selben Lücken aus der ersten Halbzeit irgendwann nicht mehr adäquat aufgefüllt werden konnten und das Nationalteam ihrem Gegner immer öfter nachlaufen musste. Dies führte nicht zuletzt zum Anschlusstreffer der Gäste.
Bild 16.1 Janko lenkt den Gegner, dahinter ist Österreich mit Mann und Maus herausgerückt und gibt Riesenräume im Rücken frei.
Bild 16.2 – Die Abwehr ist eher passiv, der Zwischenlinienraum riesig.
In weiterer Folge müsste entweder einer der Verteidiger also aggressiv herausrücken, um den offenen Raum zuzumachen oder das Mittelfeld musste – wie so oft an diesem Abend – dem Gegner nachlaufen. Das Herausrücken ist die zweite große Stärke von Martin Hinteregger, der zu diesem Zeitpunkt jedoch schon ausgewechselt wurde. Dragovic ist so eine aggressive Spielweise von seinem Klub nicht gewöhnt und agiert zumeist nur sehr zögerlich im Rausrücken. Auch vor dem Anschlusstreffer war dies gut zu beobachten. Danach war der Schaden schon angerichtet, auch weil Baumgartlinger nach seinem Sprint zurück nicht mehr in der Lage war, Dragovics Platz hinten einzunehmen.
Dragovic hatte jedoch auch Szenen, in denen er gut rausrückte und den Sechsern den Rücken freihielt.
Bild 17 - Dragovic rückt raus und hilft dadurch Baumgartlinger, der sonst von Alaba und Junuzovic allein gelassen wäre.
Durchaus problematisch war auch, dass David Alaba im Pressing und Gegenpressing nur Augen für seinen direkten Gegenspieler hatte und versuchte diesen per Manndeckung auszuschalten, dadurch öffnete er nämlich oft Räume in seinem Rücken. Es ist jedoch davon auszugehen, dass dies von Koller so gewollt ist, wenn der Ballführende aber nicht ausreichend unter Druck gesetzt wird, kann er sich befreien und die offenen Räume anvisieren.
Bild 18 – Österreich verliert den Ball, Alaba möchte dem Gegner die Passoption nehmen.
Erst die Einwechslung von Stefan Ilsanker und die rote Karte gegen Kace, sorgten wieder für mehr Ruhe auf der Sechserposition und im Spiel der Österreicher. Der Leipzig-Legionär hat ein sehr gutes Gefühl für den Raum und konnte dadurch die Bewegungen seiner Nebenmänner auch besser ausbalancieren als Baumgartlinger, womit der Sieg schlussendlich locker über die Zeit gebracht werden konnte.
Fazit
Im Spiel mit dem Ball wird das Nationalteam von Spiel zu Spiel besser. Koller sucht weiterhin nach Verbesserungen im Spielaufbau und möchte Alaba wieder mehr zur Geltung bringen als in den vergangenen Spielen, in denen der Bayern-Legionär vom Gegner jeweils gut kontrolliert werden konnte.
Im Spiel gegen den Ball hingegen gibt es Luft nach oben, das blieb auch dem Teamchef nach dem Spiel nicht verborgen. Die Elf von Marcel Koller war sehr instabil und öffnete schon in der ersten Halbzeit immer wieder Räume zwischen den Linien, welche nur mit sehr viel Aufwand wieder zugestopft werden konnten. Dieses wacklige Konstrukt ließ in der zweiten Halbzeit schließlich immer weiter nach - auch weil Junuzovic, Alaba und Baumgartlinger den Aufwand, der zum Stopfen der Löcher nötig war, nicht mehr ohne weiteres betreiben konnten. Erst durch die Einwechslung von Ilsanker in der 76. und der roten Karte in der 77. Minute beruhigte sich das Spiel wieder.