Starke Grazer bezwingen verwirrte Fink-Austria
Die neuen – durchaus interessanten – taktischen Kniffe von Thorsten Fink greifen bislang noch nicht. Während die Veilchen in die erste Mini-Krise rutschen, gelingt es Franco Fodas Grazern mit 35% Ballbesitz der Austria die Schneid abzukaufen. Eine Taktik-
Nach der 1:4 Heimschlappe im großen Wiener Derby steht die Austria bereits früh in der Saison unter Zugzwang - ein weitere Niederlage gegen Sturm und der gute Saisonstart ist für die Geschichtsbücher. Die Blackies hingegen sind nach ihrem Total-Umbau im Sommer gut aus den Startlöchern gekommen und können sich diese Saison bislang auf ihr stabiles Defensivkonstrukt verlassen.
Vor allem die brandneue Mittelfeldzentrale scheint den Grazern eine bisher nicht gekannte Stabilität zu verleihen. Im einfachen 4-4-2 agiert Uros Matic an der Seite von Jeggo, eine Reihe weiter vorne agieren Horvath und Neuzugang Hierländer. An vorderster Front spielt mit Deni Alar ein weiterer Neuzugang neben dem interessanten Bright Edomwonyi. Insgesamt standen gegen die Austria nicht weniger als sechs Neuzugänge in der Startelf.
In Zeiten wie diesen, wo bei der Europameisterschaft fast alle Teams auf unzählige Mannorientierungen im Spiel gegen den Ball setzen, ist es erfrischend zu sehen, wie die Mannschaft von Franco Foda immer noch den Raum als ersten Anhaltspunkt wählt, um das eigene Tor zu verteidigien. Dabei sind vor allem die Abstände zwischen der Verteidigung und dem Mittelfeld sehr eng und die Mannschaft agiert in diesem 4-4 Block äußerst kompakt.
Bild 1 – wie würde man die Grazer Formation beschreiben? 4-4-0-2
Hier sieht man aber bereits, dass der Abstand zwischen dem Mittelfeld und der Sturmreihe teilweise sehr groß wurde. Oft war es so, dass die Stürmer komplett entkoppelt vom Rest der Mannschaft ins Pressing gingen, während die Restmannschaft sich zurückzog. Nun möchte man meinen, dass dies ein potenzieller Schwachpunkt in der Defensivstrategie von Franco Foda war. Doch gegen Thorsten Finks Austria ist eher das Gegenteil der Fall.
Bild 2 – klassisches Bild bei der Austria. Wenn die Sechser nicht abkippen, verstecken sie sich.
Im Spielaufbau der Wiener Austria haben die Sechser ein sehr schablonenhaftes Aufgabenprofil. Entweder sie kippen zwischen oder neben die beiden Innenverteidiger ab, oder sie werden im Spielaufbau schlichtweg nicht mehr eingebunden. Üblicherweise stärkt Thorsten Fink die erste Aufbaulinie seiner Mannschaft gerne mit einem oder sogar zwei abkippenden Sechsern, während die Außenverteidiger nach vorne rücken. Dadurch soll dann genügend Raum geschaffen werden, um die schnellen Stürmer vorne per hohen Ball einsetzen zu können. Dabei versucht man nicht selten sofort von der Innenverteidigung hinter die gegnerische Abwehr zu kommen. Nicht selten sind komplett unverbundene Staffelungen im Ballbesitz die Konsequenz.
Bild 3 – Zahlenspiele sind überbewertet aber einmal geht’s noch: Austria im 3-3-3-1. Sturm im raumorientierten 4-4-2
Holzhauser kippt hier ab, um die Innenverteidiger Filipovic und Rotpuller zu unterstützen. Man erkennt schon wie isoliert Serbest im Zentrum ist, auch die Außenverteidiger spielen in dieser Phase des Spielaufbaus keine Rolle mehr. Das vorrangige Ziel der Austria ist es, den Ball ohne Umwege ganz nach vorne zu bekommen, wo die schnellen Stürmer bereits auf den Ball warten. Den Grazern reicht eine halbwegs kompakte, raumorientierte Verteidigung, bei der die Abwehr möglichst nicht zu hoch stehen sollte.
Hier muss man jedoch auch anmerken, dass Alar und Edomwonjyi im Sturm sehr kluge Laufwege hatten, welche die Austria-Hintermannschaft immer wieder in aussichtslose Positionen manövrierte; auch wenn die Grazer-Stürmer alleine an vorderster Front agieren mussten.
Bild 4 – die Stürmer von Sturm Graz schaffen es zu zweit, den gesamten Angriff der Wiener Austria erfolgreich zu manipulieren und in die gewünschte Richtung zu lenken.
Die daraus resultierende Verbindungslosigkeit bei eigenem Ballbesitz hatte vor allem bei Ballverlusten weitreichende Konsequenzen für die Austria. Es entstehen für den Gegner dann meist sehr gute Staffelungen zum Kontern.
Bild 5 – Austria verliert vorne den Ball, dadurch haben die Grazer viel Platz zum Kontern.
Es machte generell den Eindruck, als wollten die Grazer nicht zu viel für den Spielaufbau machen, sondern diesen komplett der Austria überlassen. Die Blackies wussten wohl, wie vergleichsweise einfach es ist, den Spielaufbau der Austria zu neutralisieren und kamen auf bemerkenswerte 35% Ballbesitz. Nach dem Spiel verriet Coach Foda auch im Sky-Interview sein Vorhaben: „Wir wollten heute bewusst nicht so viel Ballbesitz, wir wollten im Umschaltspiel zum Erfolg kommen!“
Sturm setzt auf intensive Pressingphasen
Um auch wirklich zu diesen Umschaltphasen zu kommen, setzte Sturm Graz phasenweise auf intensivere Pressingphasen, bei dem der jeweils ballnahe Spieler aus der Mittelfeldreihe aggressiv herausrückte, um die Stürmer Edomwonjyi und Alar zu unterstützen.
Bild 6 – Hierländer rückt aggressiv heraus, um an vorderster Front Druck zu machen. Der Druck kommt hierbei fast ausschließlich über die Intensität im Anlaufen.
Dadurch, dass die Mittelfeldreihe eben oft weit hinter dem Doppelsturm stand, musste der jeweilige Mittelfeldspieler weite Wege im Sprint zurücklegen. Aus diesem simplen Grund war dieses Vorhaben auch nicht konstant über 90 Minuten umzusetzen sondern wurde situativ immer wieder eingestreut. Es reichte jedoch, um die Austria aus ihrem Rhythmus zu bringen und den Spielaufbau entscheidend zu stören. Vor allem die Sechser der Austria waren trotz der recht großen Abstände im Sturm-Pressing dadurch leicht aus dem Spiel zu nehmen.
Bild 7 – selten aber doch wurde der nicht-abgekippte Sechser der Austria (Serbest – violetter Kasten) angespielt, doch dieser war dann schnell isoliert. Hier rückt Jeggo aus dem Mittelfeld raus, um zu verhindern, dass Serbest aufdrehen kann. Serbest muss den Ball zurück spielen.
Dieses aggresive Rausrücken hätte im Verlauf des Spiels potenziell zur Achillesferse der Grazer werden können. Vor allem die Sechser mussten durch die weiten Wege im Pressing folgerichtig auch weite Wege zurücklegen, um ihre ursprüngliche Position wieder einzunehmen. Wie auch auf Bild 5 zu erkennen, entsteht für ein kurzes Zeitfenster ein Loch im Sturm-Mittelfeld. In dieser Szene rückt Stürmer Pires in diese Lücke und wird prompt angespielt. Die Austria bespielte im gesamten Spiel diese Lücke jedoch nur ein weiteres Mal wirklich zielstrebig, womit dieser Vorteil auch ebenso schnell wieder verpuffte.
Stattdessen konnten die Blackies ihre Schwächen gegen den Ball geschickt kaschieren und kamen so zu vielen Ballgewinnen in der Mittelfeldzentrale.
Bild 8 – Matic rückt raus und erobert den Ball.
Austria mit merkwürdiger Ausrichtung gegen aufbaufaule Grazer
Die Austria hatte ihrerseits große Probleme im eigenen Pressing und wählte zudem eine merkwürdige Ausrichtung gegen die Hausherren, die das Spiel selber gar nicht aufbauen wollten.
Bild 9 – Kayode alleine in der gegnerischen Hälfte, das Unterfangen aussichtslos.
Oft presste Kayode alleine als einziger Stürmer, während der Rest der Mannschaft in der eigenen Hälfte wartete. Hin und wieder rückte in der ersten Halbzeit Grünwald nach vorne, um Kayode zu unterstützen.
Bild 10 – Grünwald vorne
Der Grund hierfür kann natürlich sein, dass man sich vom Spielaufbau der Grazer ohnehin nicht viel erwartete und bereits auf den hohen Ball wartete, welcher auch dementsprechend oft kam. Andererseits erlaubte man den Grazern dadurch sehr einfach erheblichen Raumgewinn im Spiel nach vorne. Das führte vor allem vor dem Fürhrungstreffer der Grazer zu einem Dillema. Larsen rückte plötzlich aggressiv heraus weil er dachte, dass er den Grazern den Ball abnehmen kann, entblößte dadurch jedoch den Rest der Abwehrreihe, welche in weiterer Folge ein 3 gegen 3 verteidigen mussten.
Bild 11 – Larsen geht im Pressing weite Wege nach vorne …
Bild 12 – ...und sorgt dafür, dass die Restverteidigung ein 3 gegen 3 verteidigen muss. Matic geht an Larsen vorbei und bereitet das 1:0 vor.
In der Halbzeit stand Austria-Trainer Thorsten Fink dementsprechend unter Zugzwang und reagierte folgerichtig: der schwach eingebundene Holzhauser blieb in der Kabine, für ihn kam mit Kevin Friesenbichler ein Stürmer. Damit rückte Alex Grünwald eine Reihe weiter nach hinten und besetzte mit Serbest die Doppelsechs. Friesenbichler agierte fortan an der Seite von Larry Kayode.
Außerdem griff Thorsten Fink in der zweiten Halbzeit wieder vermehrt auf ein taktisches Mittel zurück, das er diese Saison bereits öfter forciert hat: Er ließ die beiden Außenverteidiger Martschinko und Larsen in die Zentrale rücken und verdichtete das Zentrum dadurch massiv. Berühmt wurde dieses Stilmittel vor zwei Jahren, als kein geringerer als Pep Guardiola beschloss, seine Außenverteidiger Alaba und Lahm in die Mitte zu schicken.
Bild 13 – Martschinko und Larsen besetzen die Halbräume und nicht mehr die Außenbahnen.
Während der Katalane während seiner Zeit bei Bayern durch diesen Kniff vor allem das Zentrum stärken wollte, werden die eingerückten Außenverteidiger bei der Austria so gut wie nie angespielt. Stattdessen will man dadurch wohl noch mehr Platz für die schnellen Flügelspieler Pires und Venuto schaffen, wie bereits in Halbzeit eins vereinzelt zu sehen. Erstaunlicherweise hat Pep Guardiola bei seinem ersten Spiel als Trainer von Manchester City diese Umstellung ebenfalls gewählt, um die Flügelstürmer Nolito und Sterling zu stärken und nicht mehr wie bei den Bayern als kreatives Mittel um die Mittelfeldzentrale zu verdichten.
Bild 14 – Larsen im Zentrum öffnet erheblichen Raum für Venuto.
Was bei Manchester City gut funktionierte, ging bei der Austria in der zweiten Halbzeit jedoch eher schief, da die Grazer einerseits eine sinnvolle Breitenstaffelung hatten, in der sie gleichzeitig auf die beiden Flügelspieler zugreifen konnten, aber auch die eingerückten Martschinko und Larsen im Griff hatten – wissentlich, dass diese so gut wie nie angespielt werden würden! Andererseits standen die Flügelstürmer der Austria auch viel zu tief, wodurch der Effekt der inversen Verteidiger schnell verpuffte (seiehe Bild 13 und 15).
Ein Problem, das durch diese Umstellung jedoch augenscheinlich wurde, war die defensive Absicherung. Während bei Pep Guardiolas Interpretation der inversen Außenverteidiger ein Sechser konstant zwischen die Verteidiger abkippen muss, um damit eine Dreierkette zu bilden, orientierte sich bei der Austria Serbest immer wieder nach vorne. Bei Ballverlusten standen die Austrianer dann oft auf verlorenem Posten und mussten in Gleichzahl oder sogar Unterzahl verteidigen.
Ein weiteres Problem waren erneut die schlechten Verbindungen nach vorne. Dadurch, dass die Flügelstürmer oft nicht anspielbar waren, hatten auch die Stürmer einen sehr schweren Stand und waren die meiste Zeit über isoliert.
Bild 15 – sowohl die Flügelspieler als auch die beiden Stürmer Kayode und Friesenbichler sind schlecht eingebunden. Das raumorientierte 4-4-2 hat alle Brandherde im Griff. Gleichzeitig ist die Austria erneut nicht optimal abgesichert.
Fazit
Die Austria steckt früh in der Saison schon in der ersten Mini-Krise. Die neuen – durchaus interessanten – taktischen Kniffe von Thorsten Fink greifen bislang noch nicht. Nachdem der Ex-HSV-Trainer bei seinen bisherigen Stationen immer mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, sich nach einer guten Premierensaison nicht mehr weiterentwickeln zu können, sind die bisherigen Neuerungen durchaus lobenswert. Die Ausführungen sind jedoch äußerst mangelhaft und für den Gegner leicht zu durchschauen, gleichzeitig scheinen die eigenen Spieler von der neuen Marschroute nicht sonderlich überzeugt, was auch das zögerliche Einrücken von Martschinko und Larsen in Halbzeit zwei erklären würde. Die schlechte Absicherung gegen Konter und die teils wirkungslosen formativen Umformungen gesellten sich zu den bekannten Fink-Problemen aus der Vorsaison wie die schlechten Mittelfeldverbindungen nach vorne, die teils planlosen Passmuster und die oft massiv überbestzte letzte Linie.
Sturm Graz genügten 35% Ballbesitz und ein halbwegs kompaktes 4-4-2, in dem die Stürmer kluge Laufwege wählten und die Mittelfeldspieler phasenweise aggressiv auf den Ballführenden rausrückten, um der Austria den Schneid abzukaufen und selber zu vielen Torchancen zu kommen. Nach 3 Siegen in 4 Spielen herrscht in Graz nach langer Zeit wieder so etwas wie Euphorie, bei der Austria hingegen überwiegt die Ernüchterung nach zwei klaren Niederlagen.
>>> Franco Foda: "Die Stimmung im Verein ist sehr gut"
Zum Autor: Momo Akhondi ist neben seiner Tätigkeit bei 90minuten.at auch Analyst beim deutschen Taktik-Portal Spielverlagerung.de und hat bereits mit Bundesligatrainern aus Österreich und Deutschland zusammengearbeitet.