Lernresistenter Barisic: Niederlage gegen Admira war kein ‚rabenschwarzer Tag‘

Rapid schlitterte gegen die Admira am Samstag in ein 0:4-Debakel. Während Trainer Barisic einen rabenschwarzen Tag dafür verantwortlich machte, sind eher offenkundige taktische Schwächen das Problem der Hütteldorfer. Eine Taktik-Analyse von Momo Akhondi -

 

Im Vorfeld der 27. Runde hatte Rapid-Coach Barisic noch vor den Mödlingern und der unangenehmen Spielweise gewarnt. Das hinderte seine Mannschaft nicht daran, in ein denkwürdiges 0:4 Heimdebakel zu schlittern. Im Nachhinein versuchte Barisic die Niederlage mit einem „rabenschwarzen Tag“ zu erklären. Dabei waren es altbekannte Schwächen, die vom Gespann Baumeister/Lederer offenbart wurden.

 

Bereits in mehreren Artikeln wurden die Probleme von Rapid im defensiven Umschaltspiel angesprochen; z.b. hier und hier, mit Gegenkritik der anderen Seiten inklusive. Zuletzt wurde dieses Thema in unserer Rückrundenvorschau ausführlich behandelt. Inzwischen ist es schon so weit, dass den Anhängern der Grün-Weißen bei jedem Ballverlust ihrer Mannschaft angst und bange werden muss. Dabei sind Ballverluste absolut nichts Ungewöhnliches, sie gehören zum Sport und keine Mannschaft der Welt kommt auf eine 100% Passquote; weder die Bayern noch der FC Barcelona. Ungewöhnlich ist jedoch der Plan der Rapid-Elf, um den gegnerischen Konter, der nach einem Ballverlust naturgemäß droht, im Keim zu ersticken. Dabei muss bewusst gemacht werden, dass unterschiedliche Trainer unterschiedliche Ansätze haben, um diesem Problem vorzubeugen.

 

Pep Guardiola etwa ist ein Verfechter des „Sechs-Sekunden-Pressings“ nach Ballverlust. Wer sich wundert was das sein soll, fragt bei Jürgen Klopp nach: „Pep Guardiolas Bayern haben ein beeindruckendes Gegenpressing!“. Simpel beschrieben: das Positionsspiel von Pep Guardiola soll seine Spieler in Ballbesitz so in Stellung bringen, dass sie bei einem Fehlpass innerhalb von sechs Sekunden den Ball zurückerobern können. Andere Trainer wie Lucien Favre präferieren es, sich mit der gesammelten Mannschaft fallen zu lassen, um vor dem Strafraum wieder organisiert verteidigen zu können.

 


Rapid will sich seit dem Anfang der Ära-Barisic nicht so recht auf ein Konzept festlegen. Dabei schafft es Rapid inzwischen recht gut, direkt nach dem Ballverlust Druck zu machen und auf diesem Weg den einen oder anderen Ball zurückzuerobern.

 

Bild 1: Gegenpressing nach Ballverlust ist gut, doch was passiert dahinter (roter Kreis)?

 

Doch hier werden auch schon die Probleme von Rapid sichtbar: Die Besetzung der einzelnen Zonen des Spielfeldes sind schon bei Ballverlust mangelhaft und führen danach nicht selten zu schlechten Staffelungen, bei denen der Gegner nur die erste Gegenpressingwelle der Rapidler „überstehen“ muss, um viel Platz vorzufinden.

 

Bild 2: Entstehung des 0:2 durch Knasmüllner

 

Ein simpler Ballverlust von Pavelic, tief in der gegnerischen Hälfte, stürzt Rapid ins Verderben. Fast postwendend kommt die Admira zu einer „3-gegen-2“-Situation, bei der sich die Innenverteidiger von Rapid in gewohnter Barisic-Manier rasch fallen lassen und damit den konternden Admiranern noch mehr Platz zum Anlaufen schaffen.

 

Natürlich kann man hier diskutieren, ob es Sinn macht bei einer solchen Unterzahl den Gegner zu stellen. Der Fehler dürfte daher hier schon eine Spielphase zuvor passiert sein. Top-Trainer in allen Ligen bereiten ihre Mannschaft schon im Ballbesitz auf einen eventuellen Fehlpass vor. Roger Schmidt fordert eine numerische Überzahl seiner „Restverteidigung“ gegen den konternden Gegner ein. Wenn Admira also mit zwei Spielern kontert - wobei ein Dritter dazu stößt wie auf Bild 2 - hat die eigene Mannschaft idealerweise auch drei, wenn nicht sogar vier Spieler in der Restverteidigung.

 

Bei so einer Situation ist es natürlich gleich viel leichter für die Verteidiger rauszurücken und den gegnerischen Stürmer zu stellen und den Konter damit zumindest zu entschleunigen, wenn nicht sogar zu ersticken. Andere Trainer wie Pep Guardiola oder Luis Enrique wollen zunächst mit allen elf Spielern über die Mittellinie kommen, um in der gegnerischen Hälfte ein Netz aufspannen zu können, das bei Ballverlust jederzeit zugeht und das Spielgerät zurückholt. Auch hier werden entsprechend der gegnerischen Konterkraft Spieler bei Ballbesitz schon ein wenig weiter hinten abgestellt, um bei einem Fehlpass besser postiert zu sein.

 


Was alle diese Absicherungspläne gemeinsam haben: je weiter weg man den Gegner stellen kann, desto schwieriger wird der Konter. Die „Restverteidigung“ bei Rapid läuft aber förmlich vor dem Gegner weg.

 

 

Bild 3 und 4: Konter der Admira nach Ballverlust Rapids, die Restverteidigung ist auf und davon …

 

Das Fallen-Lassen der Verteidiger wurde unlängst von Chelsea-Coach Guus Hiddink als „falsche Sicherheit“ beschrieben. Man hat zwar das Gefühl, man verteidigt sein Tor besser, wenn man direkt davor steht, doch dadurch wird es dem Gegner ermöglicht, Tempo aufzunehmen und sich reiflich zu überlegen, wie er seinen Vorteil ausspielen soll. Die Admira wusste über diese offenkundige Schwäche der Rapidler Bescheid und konnte diese ein ums andere Mal bespielen. Dabei schienen die Südstädter auch nicht unbedingt klare Abläufe im Konter zu haben, mal agierte man über den linken, mal den rechten Halbraum, mal durchs Zentrum.

 

Dies reichte gegen diese Rapid-Mannschaft jedoch aus, um einen ungefährdeten 4:0 Erfolg einzufahren. Besonders effektiv dürfte es für Rapids Gegner jedoch sein, die erste Gegenpressingwelle der Hütteldorfer zu überspielen, um dann zunächst zu versuchen, strikt durch die Mitte zu kontern, ohne sich dabei zu früh auf einen Flügel drängen zu lassen. Da die Verteidiger von Rapid sich früh fallen lassen, ist dieser Raum zumeist unbesetzt. Gegen nachrückende Gegner macht es natürlich durchaus Sinn den Ball auf eine Seite zu verlagern, doch das ist bei Rapid schlichtweg nicht der Fall.

 

Dabei fingen die Probleme der Rapidler schon in Ballbesitz an. Die Admiraner konnten mit ihrer fluiden 4-4-2/4-4-1-1/4-1-4-1 Formation, sowohl vorne leichten Druck ausüben, als auch in tieferen Phasen der Verteidigung die Halbräume schließen und damit auch die Passwege in den verbindungsarmen Angriffsversuchen der Grün-Weißen zustellen oder einfach anlaufen, sobald diese bespielt wurden. Oft reichte es, wenn die beiden Stürmer der Gäste sich vom Rest der Formation entkoppelten und die Verteidigung der Rapidler nach hinten drängten.

 

Bild 5 – Zwei Admiraner machen fünf Rapidlern das Leben schwer.

 

Sobald die Innenverteidiger sich zu ihrem eigenen Tormann drehen mussten, schien es, als ob der ganze Spielaufbau von Rapid panisch wurde. Trotz drei Mann Überzahl und massiv viel Platz wird das Spiel der Hütteldorfer hektisch und mündet in einem unkontrollierten Ball.

 

Ansonsten war Rapid – ebenso wie die Gäste aus der Südtstadt – durchaus ambitioniert im Spielaufbau und hatte dabei gute Ideen. Zwischen die sehr breiten Innenverteidiger Dibon und Sonnleitner ließ sich Sechser Petsos fallen und versuchte dadurch gegen Grozurek und Knasmüllner Überzahl herzustellen und die Halbräume in der eigenen Hälfte zu öffnen. Oft ließ sich der Grieche aber auch links oder rechts der Verteidiger fallen.

 

Bild 6 – Rapid kommt über die Seiten in die gegnerische Hälfte, doch Trainer Baumeister zeigt es schon an: es gibt keinen Weg zurück.

 

Wenn man sich über eine Seite dann durchspielen konnte, waren die Admiraner stets bemüht den Rückweg im Spielaufbau der Rapidler zu verschließen, oft wich einer der beiden Stürmer im 4-4-2 - manchmal wie auf Bild 6 sogar beide - auf die Seite aus, um diese zu verbarrikadieren. Der andere Stürmer ließ sich dann ins Mittelfeld fallen und formte somit ein 4-1-4-1.

 

Während Petsos und die Innenverteidiger also geduldig versuchten, über die Halbräume durchzubrechen, hatte sich Knasmüllner oft bereits an die Seite von Kapitän Toth gesellt, was wiederum Ebner dazu veranlasste, eine Linie weiter nach hinten zu rutschen und aus dem 4-4-2/4-4-1-1 ein defensiveres 4-1-4-1 zu machen. Im tiefen 4-1-4-1 wurde dann nur mehr selten Druck auf den Ballführenden Rapidler ausgeübt. War die Situation jedoch günstig, konnte eigentlich jeder Spieler aus dem Mittelfeld flexibel aus der Formation herausrücken, ohne diese allzu sehr zu schwächen. Dabei griff die Admira einige Male auf Manndeckungen zurück und verfolgte Spieler recht weiträumig.

 

Bild 7 – Flexible Admira stellt Rapid im Spielaufbau, Schwab wird mannorientiert verfolgt.

 

Hier hat die Admira die Nervosität der Rapidler schon gespürt und den Spielaufbau der Gastgeber zahlenmäßig ausgeglichen. Schwab möchte sich nun einschalten und für den Ballführenden Sonnleitner anbieten. Schwab wird hierbei aber von einem Admira-Spieler mannorientiert verfolgt. Und das war nicht das einzige Beispiel, bei dem die Gäste mit Manndeckung ans Ziel kamen.

 

Bild 8 – Mannorientierung gegen eindimensionale Zwischenlinienraumbesetzung.

 

Hier hat sich die Admira in einem 4-4-1-1 formiert, die Mittelfeldreihe verharrt hierbei aber nicht auf ihrer Position, sondern versucht Druck auszuüben. Das öffnet wiederum den Zwischenlinienraum, in den Jelic sich fallen lässt. Als Wandspieler versucht er von hier dann mittels schneller Ablagen selber wieder in den Rücken der Abwehr zu kommen. Wostry geht aber mit dem Rapidler mit und verfolgt diesen somit mannorientiert. Dadurch ist Jelic auch nur mehr bedingt anspielbar, der Raum hinter Wostry ist jedoch weit offen. Bei besserer Raumbesetzung müsste hier eigentlich Kapitän Hofmann schalten und den Raum hinter Wostry anvisieren; dazu fehlte der Rapid-Legende am Samstag jedoch jedoch die Dynamik und nötige Gedankenschnelligkeit.

 


Hatte dann die Admira den Ball, musste sie sich gegen das wenig kompakte, aber durchaus intensive Pressing der Wiener behaupten, vor allem weil Siebenhandl – im Gegensatz zu Gegenüber Strebinger – so gut wie jeden Abstoß kurz abspielte. Doch der spielstarken Admira-Abwehr gelang es ein ums andere Mal, das Pressing der Hütteldorfer zu überspielen und dahinter wieder Raum für eigene Angriffe vorzufinden. Vor allem Wostry fiel mit einer beeindruckenden Pressingresistenz sowie einem vielfältigen Passspiel auf und stellte Rapid vor großen Probleme.

 

Bild 9 – Wostry gewinnt unter Druck das 1 gegen 1.

 

Hier steht Rapid in den ersten beiden Linien gar nicht mal so schlecht, die (am Bild nicht zu sehende) Abwehr dahinter steht jedoch einerseits zu weit vom Rest der Mannschaft entfernt, andererseits ist diese auch durch Pavelics Aufrücken – er versucht hier gegen den Ballführenden Wostry den Ball zu erobern – unorganisiert. Nachdem Wostry dann, trotz Anlaufen des Rapidlers, durchmarschieren kann, kommt die Admira über Pavelics Seite zu einer Großchance durch Grozurek, der hier bereits nach 28 Minuten auf 3:0 hätte stellen können.

 

Die tiefe Positionierung der Rapid-Abwehr wurde von den Gästen in der Form aber auch erzwungen, überluden diese doch konsequent die letzte Linie der Rapidler und „zwangen“ sie dadurch scheinbar nach hinten.

 

Bild 10: Drei Admiraner zwingen Rapid zu noch stärkerer Unkompaktheit.

 

Doch auch wenn die Rapidler gut standen, sorgte Wostry an diesem Tag dafür, dass Rapid kein Licht am Ende des Tunnels sehen konnte.

 

Bild 11: Drei Spieler pressen dich? Wostry is not impressed.

 


Fazit:
Ein rabenschwarzer Tag? Diese Analyse greift zu kurz, die gravierenden Schwächen im Barisic-Konstrukt sind schon längere Zeit offenkundig. Trainer wie Lederer, die sich darauf einstellen können, zeigen dies auch im Spiel wie am Samstag deutlich auf.

 

 Hat Barisic das Potenzial, sich und das Team weiterzuentwickeln?

 

Obwohl der 45-jährige Fußballlehrer in den letzten Jahren an vielen Baustellen durchaus Erfolge erzielen konnte, bleiben bis heute einige taktische Dilemma, die der Mannschaft regelmäßig Punkte kostet und somit auch die Meisterschaft, von der Rapid derzeit aus eigenem Antrieb sowieso nicht mehr sprechen will, kosten könnte. Barisic ist so oder so aber gefordert, an offensichtlichen Schwächen zu arbeiten und so sich und das Team weiterzuentwickeln, um die von Rapid gesteckten Ziele - Stichwort Top 50 Europas - zu erreichen.