Eindimensionale Fink-Austria geht in Salzburg unter
Ein biederer Matchplan von Thorsten Fink war für Garcias Bullen kein Problem. Am Ende gab es einen ungefährdeten und klaren Sieg der Salzburger. Eine Taktik-Analyse von Momo Akhondi
Zum Abschluss der 24. Runde kam es zum Topduell zwischen Tabellenführer Red Bull Salzburg und der im Vergleich zur Vorsaison wiedererstarkten Wiener Austria. Das Spiel war zugleich die nächste Härteprobe für Oscar Garcia, den neuen Trainer an der Seitelinie der Mozartstädter. Austria Wien hingegen wollte mit allen Mitteln verhindern, dass der Abstand zur Tabellenspitze zu groß wird.
Neo-Coach Garcia setzte gegen die Favoritner auf jenes System, welches ihm sein Vorgänger Letsch hinterlassen hat. Darin agiert Naby Keita als Zehner hinter zwei Stürmern und vor drei Mittelfeldspielern, welche mit dem Nationalspieler aus Guinea eine Raute bilden. Bei Bedarf kann Keita gegen den Ball hier zwischen die beiden Stürmer rücken und verwandelt das 4-3-1-2 in ein 4-3-3. Die beiden Stürmer – gegen die Wiener Austria Kapitän Soriano und Dimitri Oberlin – haben weiterhin den Auftrag den Gegner nach Außen zu lenken, wo dann zunächst einer der beiden Achter herausrückt und versucht den Ball zu erobern; sollte er scheitern, so liegt es am Außenverteidiger den Gegner weitäumig anzulaufen und zumindest zu einem schlampigen Zuspiel zu zwingen.
Die Austria hatte auch einen eigenen Plan parat, um gegen die Salzburger zu bestehen. Holzhauser agierte als Achter klar höher als sein Partner Vukojevic und kippte viel weniger ab als üblich. Nachdem auch Vukojevic hin und wieder mitaufrückte, kam es auch seltener zur gewohnten „falschen Dreierreihe/Viererreihe“ im Spielaufbau. Baute die Austria also nur mit den Innenverteidigern auf, blieb Keita hinter Oberlin und Soriano und rückte erst dann raus, wenn man den Gegner auf eine Seite festnageln konnte. So geschehen auch vor dem 1:0:
Bild 1 – Soriano läuft an und lenkt mit Oberlin auf die rechte Seite, wo Keita und der ballnahe Achter (Lazaro) rausrücken.
Sobald der Ball auf die Außen gelenkt wird, kann Keita die Mitte sichern, während der ballnahe Achter – hier Lazaro, auf links ist es Berisha – rausrückt, um den Ballgewinn zu erzwingen. Rotpuller versucht den Ball sauber durch das Salzburger Pressing zu spielen und scheitert kläglich. Nach dem Ballgewinn schalten die Salzburger blitzschnell um und stellen dank Keita auf 1:0.
Entgegen der Behauptungen von ORF-Experte Peter Hackmair lagen diese Ballgewinne weniger am Spielaufbau, der nur mit beiden Innenverteidigern betrieben wurde. Tatsächlich kam es dank Vukojevic – und teilweise auch Holzhauser – nicht selten tatsächlich zu Dreierketten im Spielaufbau. Hier war es jedoch ein Leichtes für den Zehner der Salzburger, zwischen die Stürmer aufzurücken und den zahlenmäßigen Vorteil der Wiener wieder auszugleichen.
Bild 2 – Nach Keitas Auswechslung gibt kurzzeitig Oberlin den Zehner und zeigt wie man Holzhausers Abkippen neutralisieren kann.
Fink reagierte amüsiert auf ORF-Experte Hackmair
Thorsten Fink reagierte dementsprechend amüsiert auf den Vorwurf von Hackmair, dass die Innenverteidiger zu weit auseinander gestanden haben, daran änderte nämlich auch das vermehrte Abkippen der Sechser nichts. Finks Plan war außerdem ein Anderer: die hohe Linie der Salzburger sollte mittels langer Bälle, die hinter die gegnerische Abwehr gespielt werden sollten, aufgebrochen werden. Dort sollten dann Gorgon, Venuto und Kayode mittels entgegengesetzter Läufe in die Spitze, den Raum hinter der Abwehr ausnutzen.
Dass dieser – recht biedere Plan – nicht aufging, hatte mehrere Gründe: einerseits war das Salzburger Pressing an der vordersten Front oft ausreichend, um den Wienern die Möglichkeit auf den hohen Ball zu nehmen. Andererseits flogen die hohen Bälle von Rotpuller und Co. schlichtweg nicht weit genug, um hinter die Abwehr zu kommen und wurden meist vom Salzburger Mittelfeld abgefangen, was den Mozartstädtern zugleich ausgezeichnete Chancen zum Kontern ermöglichte.
Mit Fortdauer der Partie versuchte die Austria immer öfter den sauberen Spielaufbau, fand sich hier jedoch auf verlorenem Posten wieder, da die erste Aufbaulinie der Favoritner qualitativ und vor allem quantitativ zu schwach besetzt war, um das Pressing der Salzburger zu umspielen. Dies wäre jedoch durch Anpassungen im Spielaufbau durchaus im Bereich des Möglichen gewesen, beispielsweise mit tieferen Außenverteidigern und diagonalen Verlagerungen in die ballfernen Räume, wie es Pep Guardioala schon einige Male gegen Roger Schmidts Leverkusener probiert hat.
Neben den Problemen mit Ball war die Ausrichtung der Gäste gegen den Ball auch nicht unproblematisch. Viele Vereine haben ihr Glück gegen Red Bull Salzburg schon mit einer Fünferabwehr versucht. Durch die verstärkte Fünf-Mann-Linie hinten beraubt man den Salzburgern viele Möglichkeiten, kommen die Gastgeber doch am liebsten über die Mitte und die Halbräume, welche bei einer Fünferkette somit überladen werden.
Fink versuchte sein Glück mit einer leicht angepassten Rolle von Vukojevic, der situativ den Zehner der Salzburger – Naby Keita – leicht mannorientiert verfolgte, in anderen Situationen wiederum als fünfter Spieler in die Abwehr rutschte.
Bild 3 – Vukojevic (Kreis) gefangen zwischen Manndeckung und Fünferabwehr
Diese ambivalente Ausrichtung war durchaus nicht unklug, führte jedoch immer wieder zu Abstimmungsproblemen in der Linie davor.
Bild 4 – Die Enstehung zum 2:1. Vukojevic verstärkt die letzte Linie der Austria und schwächt den defensiven Zwischenlinienraum.
Vukojevic lässt sich fallen und stärkt dadurch den Strafraum auf Höhe des Fünfers, dahinter möchte Holzhauser die Lücke schließen, öffnet wiederum den Raum in seinem Rücken und macht dadurch den Weg für Keita frei. Es ist selbstverständlich müßig solche Einzelaktionen analytisch zu zerlegen, solche Lücken entstehen jedoch oft bei situativen Umstellungen in der Formation, wie es bei Vukojevics Auffüllen der Fall war. Hier ist bei einer fixen Fünferkette der Raum davor besser geregelt und Holzhauser wäre nicht zwischen zwei Optionen gefangen gewesen.
Apropos Holzhauser: der Taktgeber der Violetten hatte – wie bereits erwähnt – eine höhere Rolle inne als normal, wohl um beim Kampf um den zweiten Ball schneller rausrücken zu können und gegebenenfalls auch den Gegenkonter der Violetten einzuleiten. Wenn jedoch die Salzburger ihren Spielaufbau vorantrieben, ließ sich der ehemalige Stuttgart-Legionär zu Mannorientierungen verleiten, welche seine halbrechte Seite entblößten.
Bild 5 – Holzhauser verfolgt Keita so lange, bis Berisha den ganzen rechten Halbraum zur Verfügung hat.
Ein höherer Raumfokus bei Holzhauser hätte der Stabilität der Gäste gegen den Ball sicherlich nicht geschadet und den Mozartstädtern nicht soviele Möglichkeiten im Spielaufbau gegeben. Wobei diese unter Neo-Trainer Garcia durchaus einige Feinheiten in ihrem Spielaufbau entwickeln konnten.
Bild 6 – Spielaufbau mit Caleta-Car, Miranda. Davor kommt Berisha Schmitz zur Hilfe.
Wenn die Innenverteidiger bei Red Bull mit dem Spielaufbau beschäftigt sind, kommt der ballnahe Achter – zumeist Berisha – entgegen und positioniert sich an der Seite des Sechsers Schmitz. Der ballferne Achter schiebt dann eine Ebene weiter vor und formt dadurch wie auf Bild 6 ein 2-2-4-2 in dem Lazaro an der Seite von Naby Keita landet. Nicht selten jedoch landet der junge Nationalspieler sogar eine Linie weiter vorne im Sturm.
Bild 7 – Berisha ist tiefer, Lazaro sucht als ballferner Achter die Tiefe und „überholt“ sogar Soriano und Keita.
Durch diese Diagonalisierung im Spielaufbau war es für die Austria umso schwieriger, die Angriffe der Gastgeber zu verteidigen, immer wieder öffneten die Salzburgen dadurch diagonale Korridore nach vorne und konnten viel Raum in kurzer Zeit überbrücken.
Bei Ballverlust konnten sich die Salzburger natürlich auf ihr aggressives Gegenpressing verlassen, welches der Austria schnell ihrer Optionen beraubte. Wurde dieses jedoch überspielt, kam es durchaus zu kritischen Situationen, da die beiden Achter Berisha und vor allem Lazaro sehr lasch in der Rückwärtsbewegung agierten und den Zwischenlinienraum für die Außenspieler der Wiener Austria – Gorgon und Venuto – öffneten. Dieser Raum ist überhaupt sehr kritisch, da im Gegensatz zu den klassischen Formationen das 4-3-1-2 in der zweiten Linie schwächer besetzt ist als zum Beispiel im 4-4-2, wodurch die Breitenstaffelung sich schwieriger gestaltet. Salopp formuliert: zu dritt hat man die Spielfeldbreite nicht so gut im Griff wie zu viert.
Hinzu kamen die üblichen Probleme in der Verteidigung bei Red Bull Salzburg.
Bild 8 – Ulmer recht übermotiviert, öffnet Räume in seinem Rücken.
Linksverteidiger Ulmer liebt das „Vorwärtsverteidigen“, das bei Salzburg unter Roger Schmidt eingeführt wurde. Er versteht es wie kein Zweiter, den Gegner tief in der eigenen Hälfte anzulaufen, wenn dieser es am Wenigsten erwartet, den Raum hinter ihm sichert der Rest der Viererkette ab, weshalb Ulmer viele Freiheiten nach vorne hat. Befinden wir uns aber jetzt weiter hinten, würde ein solches „Durchsichern“ der Abwehrkette zu Problemen führen. Probleme, über die Ulmer Bescheid wissen müsste; trotzdem läuft Ulmer oft kopflos auf den Gegner zu. Problematisch wird das Ganze, weil die Restverteidigung einerseits selber beschäftigt ist, andererseits der Ballführende vom Gegner keinen Druck von hinten oder von der Seite bekommt. Das heißt, dass sich dieser einfach drehen und das Spiel verlagern kann, ohne dabei Zeit oder Raum aufgeben zu müssen. Fazit: Ulmers Pressing wird wirkungslos.
Im Spiel gegen die Austria konnte man durchaus Strategien erkennen, um Ulmers Ausflüge zu kompensieren.
Bild 9 – Berisha füllt für Ulmer auf.
War Ulmer mal wieder ohne Absicherung unterwegs, so versuchte sein Pendant im Mittelfeld, seinen Platz einzunehmen – in dem Fall wieder einmal Berisha. Dass dies aber nicht konstant klappte, zeigt Bild 8.
Im weiteren Verlauf der Partie mussten beide Trainer noch einmal reagieren. Garcia, weil er seinen Star-Spieler Keita nach überstandener Malaria-Erkrankung langsam heranführen wollte. Fink, weil seine Mannschaft beim Stand von 1:3 langsam die Hoffnung aufzugeben drohte. Bis dahin war Salzburg drückend überlegen, die Austria wurde nur einmal durch ihre Spezialwaffe – die Standardsituationen – gefährlich und konnte dadurch sogar zwischenzeitlich ausgleichen.
Um Keita zu schonen, brachte Garcia Pehlivan und beorderte Berisha nach vorne. Dadurch war Oberlin auch öfter auf der Zehn zu finden, was sich jedoch wiederum änderte, als Letzterer ausgwechselt wurde. Salzburg pendelte in dieser Phase zwischen einer flachen Vier im Mittelfeld (4-4-2) und einem 4-3-1-2, bei dem die beiden Achter wie zwei zusätzliche Sechser an der Seite von Schmitz agierten. Somit scheint Garcia auch eine Komponente mitzubringen, die Red Bull immer vorgeworfen wurde: Flexibiltät während des Spiels.
Fink hingegen ging großes Risiko: Er nahm Larsen und Vukojevic aus dem Spiel und brachte Friesenbichler und Meilinger als zusätzliche Stürmer. Während Vukojevics Auswechslung keine großen Auswirkungen hatte, entstand durch die Herausnahme von Larsen eine Lücke rechts hinten, die Gorgon und Holzhauser abwechselnd hätten füllen sollen; Holzhauser durch diagonales Abkippen nach halbrechts, Gorgon als eine Art „Wingback“, welcher die gesamte Spielfeldlänge beackerte. Das führte fast schon zwangsläufig zu einer sehr wilden Schlussphase.
Bild 10 – Fink gibt die rechte Seite auf.
Fazit
Alles in allem ließen die Salzburger im Topduell den Gästen aus Favoriten keine Chance und untermauerten einmal mehr ihre Ambitionen auf den Titel. Unter Garcia konnte man im Spiel mit dem Ball ein paar neue Finessen einbauen, ohne die Qualitäten im Spiel gegen den Ball einzubüßen, wobei es hier seit der Entlassung von Peter Zeidler und der Umstellung auf eine Mittelfeldraute noch zu einer beachtlichen Steigerung kam.
Fink hatte für seine Mannschaft einmal mehr einen sehr biederen und eindimensionalen Plan ausgetüftelt, welcher von den Salzburgern ausgehebelt werden konnte. Die Schwächen, die der Deutsche schon in Basel und Hamburg nicht in den Griff bekam, setzen sich in Wien nahtlos fort und drohen für ungemütliche Wochen und Monate am Verteilerkreis zu sorgen.