Alle EM-Probleme sind noch da
Das Spiel gegen Georgien erinnerte an die EM: Die rot-weiß-roten Schwächen im Spielaufbau gegen manndeckende Gegner sind genauso noch vorhanden wie die groben Unkompaktheiten im Pressing. Auf Teamchef Koller wartet viel Arbeit. Eine Taktik-Analyse von Mom
„Es ist nicht mehr die EM-Qualifikation und es ist auch nicht mehr die EM-Endrunde. Das ist alles in der Vergangenheit. Jetzt ist die WM-Qualifikation“, entgegnete Marcel Koller auf die Frage von Rainer Pariasek nach dem Spiel gegen Georgien, was der österreichischen Mannschaft noch auf die EM-Quali-Form fehlen würde.
Kluge Sätze des Schweitzers, doch seine Mannschaft hatte es zuvor verabsäumt zu zeigen, dass das Nationalteam aus der Europameisterschaft in Frankreich die richtigen Lehren gezogen hat, denn die Schwächen aus der EURO waren allesamt präsent.
Motivierte Georgier
Dass die neuformierten Georgier – mit neuem Teamchef und neuer Führungsetage – hochmotiviert in diese Qualifikation gestartet sind, konnte man bereits in der ersten Minute bei einem Einwurf von Markus Suttner erkennen. Mit nicht weniger als acht Spielern rückten die Georgier bis tief in die österreichische Hälfte vor, um dieses Out zu verteidigen.
Leider waren dann gleich in der Anfangsphase gewisse Parallelen zum Spiel gegen Ungarn zu sehen – und das nicht nur wegen der ähnlichen Dressenfarben. Georgien-Teamchef Weiß dürfte sich das Spiel gegen Ungarn genau angesehen und daraus seine Lehren gezogen haben. Die Georgier agierten – ähnlich wie die Magyaren – stark mannorientiert und versuchten vor allem die Mittelfeldachse Alaba-Baumgartlinger-Junuzovic aus dem Spiel zu nehmen, allerdings mit einem kleinen Unterschied:
Bild 1 – Dragovic und Hinteregger gegen die georgische Solospitze, dahinter erneut Mann gegen Mann
Georgien agierte nur mit einem Stürmer und nicht wie die Ungarn mit zwei. Das kam den Österreichern auch entgegen, da sie so scheinbar nicht darauf angewiesen waren, einen der beiden Sechser abkippen zu lassen. Hinteregger und Dragovic konnten zu zweit die ersten Pressinglinie überwinden, bestand diese auch nur aus einem Spieler. Problematisch wurde es jedoch wie so oft dahinter. Die beiden Außenverteidiger Suttner und Klein waren immer im Blickwinkel der georgischen Außenspieler und daher praktisch nicht anspielbar. Vor allem Suttner hatte große Probleme, sich gegen die enge Deckung zu behaupten. Dies war jedoch nicht optimal, ging der Großteil der österreichischen Angriffe über die linke Seite mit Suttner und Arnautovic. In der Mitte wurden Alaba, Baumgartlinger und Junuzovic teilweise auf Schritt und Tritt verfolgt.
Bild 2 – alle drei Mittelfeldspieler werden manngedeckt
Vor allem Junuzovic wurde von seinem Gegenspieler kurioserweise die gesamte Spielfeldbreite hin und her begleitet. David Alabas Gegenspieler hielt sich zurück, sobald der Bayern-Spieler sich zu den Innenverteidigern abkippen ließ, was im Laufe der Partie noch interessante Folgen haben sollte.
Bedenklich: Koller findet keine Antwort
Die sehr lineare Spielweise der österreichischen Mittelfeldspieler machte es dem Gegner – einmal mehr! – sehr leicht, diese zu decken. Der Aktionsradius der Mittelfeldspieler ist inzwischen für den Gegner ausgesprochen vorhersehbar und folgerichtig auch mittels Manndeckung relativ leicht in den Griff zu kriegen. Als Manndecker kann man seinen direkten Gegenspieler verfolgen, ohne dabei wichtige Räume herzuschenken oder in die unglückliche Lage zu geraten, dass ein zweiter Gegenspieler sich in seinem Rücken freilaufen kann. Es ist also kein Wunder, dass immer mehr Teams diesen Plan gegen die Mannschaft von Marcel Koller verfolgen. Dass der Schweizer immer noch keine Antwort darauf finden konnte, ist durchaus bedenklich.
Was sich seit der Europameisterschaft jedenfalls geändert hat, ist die Besetzung der Linksverteidigerposition. Ex-Kapitän Christian Fuchs hat seine Karriere beendet und wurde gegen Georgien durch Markus Suttner ersetzt. Der Ingolstadt-Legionär hat in der Vergangenheit immer einen sehr zurückhaltenden Fuchs Back-Up gegeben, in seinen Einsätzen aber durchaus zuverlässig gewirkt. Das war gegen Georgien jedoch nicht der Fall. Suttner schien zunächst eine sehr tiefe Rolle zu haben und landete oft auf einer Linie mit den Innenverteidigern. Schnell bekam man jedoch das Gefühl, dass hier kein Plan dahinter steckte, sondern die zurückhaltende Spielweise von Suttner schlicht der Nervosität und/oder fehlendem Mut nach vorne geschuldet war.
Bild 3 – Suttner bleibt zunöchst auf einer Höhe mit Hinteregger (letzter Mann), traut sich erst mit vor nachdem Dragovic (am Ball) andribbelt
Wie auf Bild 3 zu sehen, bleibt der Flügel bei den Österreichern offensiv total verwaist, Arnautovic ist in die Mitte gezogen und stellt den Manndecker von David Alaba vor ein kleines Problem. Der an sich kluge Gedanke von Arnautovic ist jedoch wertlos, da die Breite nicht besetzt wird und die georgischen Außenspieler ohne Gegenspieler sind und den Raum wieder zuschnüren können. Dies führte in Summe dazu, dass die Österreicher im Ballbesitz nur sehr behäbig nach vorne kamen und in weiterer Folge immer wieder zu hohen Bällen zurückgreifen mussten.
Bild 4 – Österreich überladt die letzte Linie des Gegners und wartet nur mehr auf den hohen Ball von Alaba, dabei lassen die Georgier davor Räume frei (roter Kasten)
David Alaba schien was gegen diese Lethargie im Angriff zu haben und bot seiner Mannschaft ein paar Mal interessante Auswege:
Bild 5 – Alaba kippt links neben Hinteregger ab, sein Gegenspieler (weißer Pfeil) zieht sich zurück statt mitzugehen.
Wenn Alaba beschloss, sich links neben die Innenverteidiger fallen zu lassen, so war dies keineswegs, um das georgische „Pressing“ – nach wie vor durch einen einzigen Spieler ausgeübt – besser bespielen zu können. Viel mehr hatte sein Abkippen andere, sehr positive Effekte. Sein direkter Gegenspieler verfolgte ihn nicht bis ganz nach hinten, sondern brach die Verfolgung ab, dadurch konnte Alaba frei angespielt werden und mit dem Gesicht zum gegnerischen Tor agieren. Der Bayern-Star kann seine Stärken viel besser zur Geltung bringen, wenn er nicht mit dem Rücken zum Tor steht, durch die enge Manndeckung wird er jedoch oft in diese Situation gezwungen. Ein weiterer positiver Effekt seines Abkippens ist die dadurch veränderte Rolle von Suttner. Als zusätzliche Absicherung im linken Halbraum ermöglicht er es Suttner, ohne Sorgen vor einem gegnerischen Konter nach vorne zu rücken und dem österreichischen Spiel vorne Breite zu verleihen. Eine gutes Beispiel hierfür war die 30. Minute.
Bild 6a –Alaba möchte abkippen und gibt Suttner das Signal, dass er vorrücken soll.
Bild 6b – Alaba unterstützt Hinteregger links, Suttner ist schon aus dem Bild nach vorne gegangen. Die Georgier konzentrieren sich Alaba, nach kurzem Zögern kommt sogar Alabas Manndecker vor und stellt den Bayern-Spieler. Hinteregger spielt Alaba an, dieser lässt den Ball jedoch zu Hinteregger zurückprallen. Dadurch konnte das gesamte Zentrum geöffnet werden und Hinteregger kann den rot markierten Pass spielen.
Bild 6c – Nutznießer ist Baumgartlinger, der eine geöffnete georgische Mannschaft vorfindet. Diese Positionsrotationen kamen leider viel zu selten vor. Formative Umformungen wie diese hier hätten auch schon gegen Ungarn sehr geholfen.
Hatten die Österreicher dann auch erfolgreich die georgischen Manndeckungen durcheinander gebracht und die Außenverteidiger Suttner und Klein nach vorne geschoben, kam man auch langsam wieder in den EM-Qualifikations-Flow und konnte sich wieder vernünftiger positionieren. Die Mannschaft kann es also (doch) noch.
Bild 7 –mit den grauen Linien werden Zentrum, Halbräume und Flügel unterteilt. Die Österreicher besetzten die Räume gut.
Die Realität war jedoch eine andere: die Österreicher wussten ob der georgischen Defensiv-Strategie oft nicht weiter und mussten auf lange Bälle zurückgreifen. Dass diese Ausrichtung letzten Endes zu einem Sieg führen konnte war vor allem einer Person geschuldet: Marc Janko. Der Basel-Legionär war nicht nur am Boden in der Lage, die mehr oder weniger unkontrollierten Angriffsversuche seiner Mitspieler sauber zu verarbeiten, sondern er war vor allem auch in der Luft eine Macht und konnte ein vielzahl an hohen Schlägen technisch sauber auf einen Mitspieler ablegen. Vielleicht war dies auch ein wichtiger Unterschied zum Spiel gegen die Ungarn, bei dem Janko bekanntlich nicht 100% fit war. Durch einer seiner Kopf-Ablagen erzielte Österreich auch das 2:0. Janko bereitete sein Tor also gleich selber vor.
Bild 8 - hoher Ball von hinten, Janko legt ab auf Junuzovic der wiederum Arnautovic einsetzen kann.
In der zweiten Halbzeit fingen beide Trainer mit einer kleinen Umstellung an: Die Georgier wurden endgültig zum „Ungarn-Abklatsch“ und agierten fortan mit zwei Stürmern. Koller reagierte seinerseits und ließ David Alaba konstant abkippen. Hier jedoch zwischen die beiden Innenverteidiger, womit Martin Hinteregger links landete.
Bild 9 – Alaba zwischen Hinteregger und Dragovic. Die Georgier stehen 6 gegen 6
Die Österreicher beginnen mit diesen Umstellungen durchaus ansprechend in die zweite Halbzeit, schaffen es sogar die Räume besser zu besetzen und kommen dementsprechend gefährlich vor das Tor. Vor allem Janko hatte die große Chance auf das 3:0 am Fuß.
In der 70. Minute konnten die Österreicher sogar den Ball kontrolliert für 17 Pässe in ihren Reihen zirkulieren, bevor sie am Ende David Alaba freispielen konnten und eine gute Chancen herauspielten. Wieso das so gut funktionierte? Julian Baumgartlinger erkannte den großen Raum, den der Gegner herschenken muss, wenn er auf eine solch rigorose Manndeckung setzt.
Bild 10 – Georgien deckt rigoros Mann gegen Mann. Die Österreicher haben zwar das Gefühl keinen Platz zu haben, doch das Gegenteil ist der Fall!
Die Manndeckung scheint die Österreicher vor allem psychologisch und taktisch vor Probleme zu stellen. Ein Spieler, der eng gedeckt wird kriegt natürlich das Gefühl, dass er wenig Platz zur Verfügung hat. Dadurch, dass der Gegner jedoch so konsequent auf Manndeckung setzt, stehen sie keineswegs mehr kompakt (die Abstände zwischen den Georgiern sind teilweise enorm). Und so enstehen auch riesige Lücken im Defensivverbund wie auf Bild 12 zu erkennen ist. Kapitän Baumgartlinger konnte sich hin und wieder dort positionieren, wurde dann jedoch fast nie von seinen Mitspielern angespielt. Das Zeitfenster für solch ein Zuspiel ist naturgemäß äußerst kurz, da der jeweilige Bewacher früher oder später bemerkt, dass sein Gegenspieler entwischt ist. Es muss also die ganze Mannschaft darauf vorbereitet ist, die reaktive Spielweise des Gegners herauszufordern und Räume konsequent zu besetzen und anzuspielen. Das ist gegen Georgien erneut nicht passiert.
Schwächen gegen den Ball immer noch da
Koller sprach in seiner EM-Nachbetrachtung das Spiel mit dem Ball gar nicht an. Stattdessen kritisierte es das Verhalten seiner Mannschaft gegen den Ball. Dies sollte in der WM-Qualifikation wieder auf das Niveau zurück, mit dem sich die Österreicher für die EM qualifizierten. Doch die Probleme aus Frankreich wurden auch nach Tiflis mitgenommen.
Bild 11 – gegen den Ball wie gehabt
Österreich agierte gegen Georgien wie immer im 4-4-2 mit Junuzovic an der Seite von Janko. Im Offensivpressing schienen die Abläufe auch wieder flüssiger zu laufen. Die Stürmer lenkten den Gegner auf die Außen, Arnautovic und Harnik stellten sie dort und Alaba rückte aus dem Zentrum raus um den gegnerischen Sechser zu decken. Der Gegner ist gezwungen, hohe Bälle zu spielen, ein gewonnener Ball für die Österreicher – könnte man meinen.
Bild 12- Ist denn schon wieder die EURO? Zum Glück hat keiner Adam Szalai Bescheid gegeben
Die Abstände der österreichischen Hintermannschaft zum Rest des Teams sind wie schon in Frankreich sehr groß. Der Gegner kann mit halbwegs platzierten hohen Bällen Spieler in dieser Lücke suchen sowie finden und mit einem Schlag sechs bis sieben Österreicher aus dem Spiel nehmen. Wie schon vor dem 0:1 gegen Ungarn rückt auch hier Hinteregger raus und kann den Gegner entscheidend stören. Sein Timing im Rausrücken war das Einzige, was die Österreicher vor einem EURO-Deja-Vu bewahrte.
Fazit: Hoffentlich ist sich Koller der Schwächen bewusst
Marcel Koller hat die EURO abgehakt und damit hat er zum Teil Recht, der Fokus muss auf die kommenden Aufgaben gelegt werden. Die ersten drei Punkte konnten dabei gleich im ersten Spiel geholt werden, doch die Art und Weise war keineswegs überzeugend. Vielleicht sollte unser Teamchef daher die EM in Frankreich nicht komplett ad acta legen, denn große Schwächen im Spielaufbau gegen manndeckende Gegner sind genauso noch vorhanden wie die groben Unkompaktheiten im Pressing. Es ist zu hoffen, dass sich der Teamchef dieser Schwächen bewusst ist, denn sonst könnten unangenehme Monate auf ihn zukommen.