Georgien bietet sich für rot-weiß-rote Experimente an
Die Qualifikation ist quasi gescheitert und Georgien bietet sich aus taktischer Sicht an, um das österreichische Team weiterzuentwickeln. Eine Taktik-Analyse von David Goigitzer.
Georgiens Nationalteam gegen den Ball
Die Georgier organisieren sich grundsätzlich in einer 4-1-4-1 Formation gegen den Ball. Dies erlaubt für ein kompaktes Mittelfeldzentrum, das man dreifach besetzt hat. Zudem ist die Breitensicherung ebenfalls durch die zwei Viererketten gegeben. Coach Vladimir Weiss setzt hier also auf höchste Stabilität. Die Pressinghöhe variiert kaum, die erste Phase des gegnerischen Spielaufbaus wird kaum attackiert. Um die Mittellinie herum formiert sich die Viererkette, während Stürmer Kvilitaia sich auf Höhe des Mittelkreises bewegt. Er fokussiert sich hierbei auf das Versperren der Verlagerung im zentralen Mittelfeld und positioniert sich dabei halt meistens zwischen den zentralen Mittelfeldspielern des Gegners, läuft jedoch nicht an und passt seine Position auch nicht groß an, was seine Rolle bisweilen als sehr unnötig erscheinen lässt.
Situativ stellen die Georgier ein 4-4-2 im Pressing her. Dies passiert meist, wenn einer der Achter seine Position verlässt um den Ballführenden zu attackieren. Trigger ist dafür, wenn der gegnerische Sechser von Kvilitaia unter Druck gesetzt wird und zu einem Mitspieler nach hinten oder auf die Seite spielt. Die Achter verfolgen diesen Rückpass dann meist und versuchen einen weiteren Rückpass oder einen langen Ball zu erzwingen. Per se ist man recht gut organisiert, man agiert kompakt in Horizontale wie auch Vertikale und die Abstände zueinander passen.
Jedoch fehlt eine gewisse Intensität, das Aktionstempo sowie die Taktung ist nicht besonders hoch, was darauf schließen lässt, dass eine schnelle, Ballzirkulation mit Verlagerungen Räume öffnen würde, die anschließend mit gut getimeden Diagonal- und Vertikalpässen ausgenützt werden könnten. Martin Hinteregger ist hierbei der geeignete Mann, um die Defensive der Georgier auszuhebeln. Richtige Positionierung sowie Präsenz im Zwischenlinienraum ist hier ebenso wichtig, weshalb es wichtig sein wird, nicht zu viele herauszkippende Bewegungen der Mittelfeldspieler zu inkorporieren.
Recht offensichtliche Probleme zeigen die Georgier interessanterweise im defensiven Umschaltspiel. Zwar versucht man sich mit kollektivem Gegenpressing, die Abstimmung mit der letzten Linie gelingt nur mäßig, so dass der Zwischenlinienraum immer wieder stark geöffnet wird. So kann man tiefe Ballgewinne recht gut nutzen, sofern man sich schnell genug nach vorne orientieren und Pässe durch den ersten Gegenpressingwall spielen kann. Ebenso zeigt man Schwierigkeiten im Verteidigen von hohen Bällen. Irland konnte mit fokussiertem long ball - Spiel und Flanken den Georgiern immer wieder vor schwer lösbare Aufgaben stellen.
Organisation in Ballbesitz
Die Mannschaft von Vladimir Weiss ist im Ballbesitz durchaus interessant. Man ist zumindest bemüht, eine gewisse Spielkultur zu pflegen und versucht das Spiel vornehmlich mit Flachpassspiel aufzubauen. Aus dem 4-1-4-1, in dem man sich gegen den Ball formiert, wird hier ein 4-3-3, in dem die Flügelstürmer sich in die Halbräume bewegen und die Außenverteidiger auf Höhe des Sechsers schieben. Sie sind auch die primären Breitengeber und halten diese Breite interessanterweise auch ballfern. Dies sorgt für Räume neben den auffächernden Innenverteidigern, die für Konter gut genützt werden könnten. Vor allem Sabitzer könnte mit Läufen durch den Halbraum diese Staffelungslücken nutzen. Diese ballfernen Räume könnten potentiell von den Achtern übernommen werden, diese bewegen sich jedoch in manchen Phasen derart hoch, dass jeglicher Zugriff in der Rückzugsbewegung nur schwer möglich wäre. Diese hohe Positionierung nehmen die Achter bei etwas höherem Ballbesitz ein, also wenn man sich schon in der Hälfte des Gegners etabliert hat.
Im tieferen Spielaufbau bewegen sich die Achter jedoch immer wieder tiefer, um die Zirkuation durch Ablagen anzukurbeln und gegen mannorientierte Gegner Räume im Mittelfeld zu öffnen, die nach diesen Verlagerungen bespielt werden sollen. Diese Bewegungen sind nicht immer optimal balanciert und getimed, sodass man sich in manchen Situationen zu dritt mit dem Sechser auf einer Linie wiederfindet. Zwar kann dies gegen mannorientierte Gegner ebenfalls Räume öffnen, die zum Beispiel durch Chipbälle bespielt werden können, doch dies scheint nicht wirklich in den Plänen der Georgier aufzuscheinen, da sich weder Stürmer Kvilitaia, noch die Flügelstürmer in diese Räume hineinbewegen oder Bälle dorthin gefordert werden.
Hohe Außenverteidiger und zentrale Mittelfeldspieler auf einer Linie sorgen für Konteranfälligkeit.
Die georgischen Innenverteidiger zeigen Spielgeist und sind stark in den Aufbau eingebunden. Immer wieder versucht vor allem Kverkelia mit Vertikalpässen Schnittstellen zu bespielen und die Flügelstürmer zu suchen. Auch lange, hohe Diagonalpässe besitz er in seinem Repertoire. Diese sollen meist auf in die Tiefe laufende Außenverteidiger kommen, erzeugen jedoch nur selten die gewünschte Durchschlagskraft. Hier agiert man suboptimal, da man nicht aktiv die Gegner heranlockt um ballfern Räume für diese langen Bälle zu öffnen. Die Flügel sind im letzten Drittel dennoch der Fokuspunkt der Georgier, über die man primär versucht Chancen herauszuspielen. Kurze, schnelle Kombinationen mithilfe der Flügelstürmer, Achter und der Außenverteidiger sollen dabei helfen Kvilitaia im Strafraum mit Hereingaben zu füttern. Hier agiert man jedoch zu improvisiert, die Entscheidungsfindung ist auch eher suboptimal und man versucht sich zu oft mit Distanzschüssen.
Fazit
Ein interessanter Gegner, der für Kollers Mannschaft gutes Material für Experimente darstellt. Da die Qualifikation sowieso schon in weiter Ferne gerückt ist, könnte man jetzt schon versuchen etwas Neues aufzubauen und das System weiterzuentwickeln, ganz ohne Angst vor dem Scheitern und dem offensichtlichen Leistungsdruck, von dem man sich überwältigen und zu lahmen Entscheidungen in Sachen Spielplan und Aufstellungen leiten lässt. Selbst der Blick auf die Wertung für die UEFA Nations League sollte Koller nicht davon abhalten, dieses Spiel mit Blick auf die Zukunft anzulegen.